Die vaterlose Gesellschaft (1)

Die vaterlose Gesellschaft (1)
In einem Vortrag weist der Diözesanbischofs von St. Pölten auf die schlimmen Folgen der ideologischen Feminisierung für Familie und Gesellschaft hin. Der Vater hat nur eine Nebenrolle bzw. wird dort mit negaiven Eigenschaften belegt. Hier die erste Folge unserer Artikelserie über das Thema.
Eine vaterlose Gesellschaft
Ein besonders wichtiger Aspekt in unserer Zeit ist die Vaterlosigkeit: Alexander Mitscherlich sprach schon vor Jahrzehnten von der „vaterlosen Gesellschaft“. Er meinte damit die Erscheinung, daß die Industriegesellschaft auf Funktionen basiert. Es zählt das Know-how, der Manager, der Macher, der Star. Nicht die Persönlichkeit, sondern die Leistung, die Kraft, das Geld, die Schönheit. Das führt zu einem Abbau der Bedeutung persönlicher Autorität in der Schule, in der Politik. Die Medien spielen in diesem Geschehen eine besondere Rolle.
Aber es ist nicht nur das. Verloren war der Vater zuerst in der für das Kind weit weg liegenden Arbeitswelt, aus der der Vater am Abend kurz zurückkam, meistens nicht gut aufgelegt, manchmal eventuell noch bereit zu einem Spielchen mit dem Kind vor dem Ins-Bett-Gehen. Viel konnte man von ihm nicht erwarten, denn er hatte schon genug gearbeitet, war müde und wollte nur essen und vor dem „Kasten“ (TV) sitzen, mit dem Bierkrug in der Hand. Bisweilen war der Vater die richterliche Autorität, an die die erschöpfte Mutter appellierte, um das launische Kind in die etablierte Hausordnung zu fügen.
Wenn der Vater sich dem Kind nicht zuwendet, kann keine „Vital-Bindung“ entstehen. Diese ist wichtig. Um das zu erklären, muß ich etwas weiter ausholen.
Wohldosierte „Vital-Bindung“
Dieser Begriff („Vital-Bindung“) stammt von Viktor von Weizsäcker, dem Begründer der deutschen psychosomatischen Medizin. Er sagt, daß die Entstehung einer Vital-Bindung die unersetzliche Voraussetzung für Erziehung ist. Die Mutter hat in dieser Hinsicht einen eindeutigen Vorteil. Vital-Bindungen sind die Grundlage für Kontakt, Zuneigung, Kommunikation, sie müssen aber verwandelt werden. Weizsäcker lehrt, daß sie gelöst werden müssen. Allein so wird eine Weiterentwicklung des Kindes möglich, auch wenn ihre Wandlung schmerzhaft sein kann und bei ihrer Entwöhnung gewisse Probleme auftreten können. Wörtlich sagt Weizsäcker: „Jeder Erzieher untersteht dem dialektischen Gesetz, daß er nur dort wirken kann, wo eine Bindung ist, und daß er nur dort bilden kann, wo er auch die Bindung wieder löst. Sonst wird er zum Schulmeister oder zum Exerzierstock und produziert als solcher Neurosen. Das nervöse Kind, das verstockte, das grausame, haßerfüllte, rachsüchtige Kind (…), Kinder mit Schrei- und Atemkrämpfen, Kinder mit Bettnässen und Daumenlutschen, mit Essensverweigerung, Erbrechen, angst- und hysterischen Reaktionen sind meist Kinder, bei denen zum Beispiel die Bindung an die Mutter übermäßig stark war, und bei denen die Lösung der Vital-Bindung mit übermäßigen Entziehungsschmerz verbunden ist.
So paradox es scheinen mag: Gerade diese nervös, ungehorsam, ‚böse‘, widerspenstig und lieblos erscheinenden Kinder sind jene, bei denen die Vital-Bindung, besonders an die Mutter viel stärker ist als bei den unkomplizierten, sogenannten gutartigen Kindern. Gerade die nervösen Kinder sind es, welche die Liebe am meisten suchen und bei denen die Verzärtelung am gefährlichsten wirkt. Diese Kinder brauchen weder nur mehr Strenge, noch nur mehr Schonung (beides ist ganz falsch). Was sie brauchen, ist ein Mehraufwand an beidem und damit an lösender, das heißt zur Selbstständigkeit führender Erziehungsarbeit.“
Die kindliche Vital-Bindung, besonders an die Mutter muß „entkindlicht“ werden. Wo der Vater abwesend ist und die Frau sich in jeder Hinsicht vernachlässigt und mißverstanden fühlt, also als Ehefrau und Erziehungspartnerin unbefriedigt, dort wird der Entwicklungsvorgang gehemmt. Dort entsteht häufig eine zu starke Mutterbindung, Ursache vieler Reifestörungen, denen man gerade in unserer Gesellschaft häufig begegnet.
Vater und Mutter: Eltern und Eheleute
Eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kindes kommt der Beziehung zwischen Vater und Mutter zu. Auch das ist grundlegend, um zu verstehen, was Vatersein bedeutet.
Allzu oft kommt es in der ehelichen Liebe zu falschen Entwicklungen: Sie verkümmert nach Abklingen der Verliebtheit der ersten Zeit und mündet in eine Art Banalität gemeinsamer, fast bloß kaufmännischer Interessen. Das unbefriedigte Bedürfnis der Frau, als Person geschätzt und geliebt zu werden, wirft sich mit allen ichhaften Saugkräften auf das Kind, das zum Opfer dieser beklemmenden Situation wird: Es ist die Zuflucht, der Trost, die Ehre, die Krone nicht des Wir, sondern der ungesättigten Frauenliebe. Es soll der Frau geben, was diese in der Ehe nicht erlangen kann. Viele Störungen hängen damit zusammen.
Ein solches Klima, das der gegenseitigen Liebe und der menschlichen Wertschätzung unter den Partnern widerspricht, schadet der Entwicklung des Kindes mehr als jede Streitigkeit, die zwar häufig vermieden, dafür aber auch häufig durch kalte Selbstbeherrschung ersetzt wird. Die unaufhörliche, bittere und oft verdeckte, manchmal auch offene Feindseligkeit zwischen Vater und Mutter, die oft (nicht immer) die „Affenliebe“ zum Kind entstehen läßt, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Kind je machen kann. Es wird unsicher und mißtrauisch gegenüber dem Leben überhaupt und schließt daraus, daß „die Liebe eine Lüge ist“. Eine Atmosphäre, in der die eheliche Liebe fehlt, läßt die Persönlichkeit des Kindes verkümmern und bereitet den Weg zu künftigen Neurosen. Mangel an Bildung der Frau in bezug auf Mutterschaft, unbefriedigtes Liebesbedürfnis, Angst, Mißtrauen und Minderwertigkeitsgefühle der Mütter führen zu einer Bindung an das Kind, die vor allem aus Tabus und albernen Sicherheitsmaßnahmen besteht. „Ohne Risiko“ will die Mutter auf eigene Faust jeden Schritt des Kindes vorausbestimmen. Eine vom steifen Formalismus geprägte Zwangsvorstellung von der Gesundheit kreiert den Typ des Muttersöhnchens. Sicherheit als Beseitigung des Unvorhergesehenen hemmt die Vitalität und den Unternehmensgeist des Kindes.
Kindliche Eigenverantwortung
Das Kind sollte hingegen von den ersten Vorschuljahren an die eigene Verantwortung tragen, den eigenen Kampf führen lernen, und es sollte Erfolge und Mißerfolge annehmen, ohne dabei begeistert den Applaus zu ernten oder tragischen Tränen begegnen zu müssen. Da sollte die Schule in ihrer Bedeutung nicht überbewertet werden. Wichtig und entscheidend ist, daß das Kind die Liebe zum Leben weiter entfaltet, daß es ganz frei seine Berufung findet.

Gleichwertig, aber nicht gleichartig

Die Vaterforschung der letzten 30 Jahre hat festgestellt, daß die physische und aktive Anwesenheit des Vaters die harmonische, gesunde Entwicklung des Kleinkindes im großen Ausmaß fördert, daß der Vater genauso fähig ist wie die Mutter Kleinkinder zu versorgen, mit ihnen zu kommunizieren und zu spielen, und das er sich dabei von der Mutter unterscheidet. Es geht dabei nicht nur darum, die Frau zu entlasten, sondern einem Grundbedürfnis des Kindes entgegenzukommen. Der Vater ist dabei genauso kompetent wie die Mutter. Er sollte diese aber nicht einfach nachahmen, auch wenn es gut sein mag, daß auch er in der Lage ist, dem Kind die Flasche zu geben, das Kind zu baden und ihm die Windeln zu wechseln. Er sollte sich seiner Fähigkeiten bewußt werden und eine größere Verantwortung als Vater übernehmen.
Folgen des Vaterverlustes
Die schwierigste Form des „Vaterverlustes“ entsteht durch die Ehescheidung. Sie ist die schlimmste Plage unserer Gesellschaft. Hier sind die negativen Folgen für die Kinder am deutlichsten erkennbar, mit oft verhängnisvollen Auswirkungen, die den betroffenen Kindern und Jugendlichen nicht selten für das ganze Leben eine Prägung geben und oft schwer heilbar sind. Die Ursachen sind komplexer Art, sie hängen mit dem Vaterverlust, aber auch mit einer Reihe von anderen Faktoren zusammen wie der Reaktion der Mutter auf die Trennung, das Auftreten wirtschaftlicher Probleme, eventueller Wechsel der Wohnung, der Schule, des Freundeskreises usw. Vor allem stellt der Konflikt der Eltern vor, während und nach der Scheidung eine besondere Belastung für die Kinder dar. Dies beeinträchtigt stark die emotionale und soziale Integration, es kommt zu einer dürftigen Entwicklung des Charakters und des Verhaltens, zu Defiziten in den Schulleistungen. Auch Aggressivität und Depressionen gehören oft zu den negativen Folgen der Vaterentbehrung der Scheidungskinder.
Viele Burschen wachsen ohne männliches Vorbild auf (verstärkt durch das starke Überwiegen von weiblichem Personal in der ganzen Erziehung). Bei den Burschen sind die Folgen besonders deutlich erkennbar, aber auch bei Mädchen spielt die Beziehung zum Vater für die Entwicklung, insbesondere für ihre Beziehungsfähigkeit, eine wesentliche Rolle. Manche verbringen ihr ganzes Leben mit der Suche nach dem Vater.
Fortsetzung folgt
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