Kinder brauchen Vorbilder (1)

Kinder brauchen Vorbilder (1)
Die Vorbereitung der jungen Menschen auf ihre zukünftigen Aufgaben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft stellt sich in der aktuellen kulturellen Situation als nicht leicht dar. Vorbilder spielen dabei eine entscheidende Rolle. Albert Wunsch gibt in einer Artikelserie grundsätzliche Orientierungen für diese wichtige Erziehungsdimension.
Ob Eltern auch heute einer Schrift: „Wie bekomme ich ein folgsames Kind?“ eine große Beachtung als erziehungspraktischen Ratgeber einräumen würden, ist ungewiss. Oft genug ist jedenfalls im Umfeld von Erziehungsproblemen der stille Seufzer auszumachen, sich doch insgeheim ein folgsameres Kind zu wünschen. Würde Eltern in einer solchen Situation nahe gebracht, dass sie vom Grundsatz her sehr folgsame Töchter oder Söhne hätten, würde dies auf jeden Fall Irritation, vielleicht auch Ärger auslösen. Aber, wenn auch unter einem etwas anderen Gesichtspunkt, trifft diese Einschätzung trotzdem zu, weil unsere Kinder vom ersten Tag des Lebens an mit großer Aufmerksamkeit und all ihren Sinnen dem folgen, was um sie herum geschieht.
Dabei kommt dem Sehen eine die Aufmerksamkeit anregende und lenkende Funktion zu. So eignen sie sich die Verhaltensweisen ihres Umfeldes an, ob von Vater und Mutter, Geschwistern oder anderen Bezugspersonen und entwickeln Reaktionsmuster als Antwort auf die unterschiedlichsten Alltagssituationen. Werden also bestimmte Äußerungs-Gepflogenheiten bzw. Verhaltensdefizite als störend oder untragbar erlebt, entwickelten sich diese in der Regel - je jünger die Kinder umso zutreffender - im eigenen Umfeld zu einer mehr oder weniger großen Blüte. Schon alleine deshalb ist es äußerst sinnvoll, die auf Kinder und Jugendliche einwirkenden visuellen oder sprachlichen Bilder, Umgangstile und Verhaltensweisen - kurz die durch die Sinne erfahrbare Welt - einem Tauglichkeits-Test zu unterziehen, um so die positiven bzw. negativen Folgen besser einschätzen zu können.
„Struwwelpeter“ und „Max und Moritz“

Ein seit Generationen bekannter, wenn auch kräftig in die Jahre gekommener ‚Erziehungs-Ratgeber’ im Sinne eines Lernens am Vorbild ist „Der Struwwelpeter“. Das Konzept basierte in einer Mischung aus Erfolgshoffnung und Erfahrung auf der als prägend betrachteten Abschreckungs-Kraft. Diese Botschaft lautete schlicht und eindeutig: Bringe Kinder auf möglichst anschauliche Weise nahe, was im Leben nicht erwünscht ist, ob Ungehorsam, Nahrungsverweigerung oder Unachtsamkeit, und sie werden sich schnell an die verschiedenen elterlichen oder gesellschaftlichen Erwartungen anpassen. Auch die Einführung in die Welt der Streiche von „Max und Moritz“ orientiert sich - wenn auch etwas lustiger - an der Zielsetzung, durch das Aufzeigen der Konsequenzen unüberlegten oder schädigenden Verhaltens, Kinder auf den richtigen Kurs für ein förderliches und verantwortungsvolles Miteinander zu bringen. Dieser Ansatz ist heute aus den unterschiedlichsten Gründen anzufragen, da es sinnvoller ist, Kindern und Jugendlichen positive Vorgaben zu machen.
Positive Impulse

Um diesem Erziehungsverständnis eine Chance zu geben ins Bewusstsein zu gelangen, muss aber Positives bzw. Negatives als solches bewertet werden. Mag eine Rückmeldung bei sozial erwünschtem Verhalten auch noch so häufig erfolgen, so mangelt es bei zu vielen Erwachsenen an Mut und Eindeutigkeit, Negatives oder Schädliches auch unmissverständlich als solches zu bezeichnen. Denn wenn nicht erkennbar und unterscheidbar ist, was förderlich bzw. störend für das Leben von Einzelnen oder Gemeinschaften ist, wird alles schnell gleich-gültig. Um dies Positionierung jedoch von nach Jahren erwachsenen Menschen erwarten zu können, wird nicht nur eine kräftige Portion personaler Stärke und Authentizität sondern auch innerhalb der Gesellschaft ein tragfähiger Wertekonsens benötigt. Demnach sind nicht nur Kinder, sondern auch Eltern, Erzieher, Lehrer, Chefs und Politiker, kurz alle auf ethische Vorgaben und normierende Rahmenkriterien angewiesen, um in Verantwortung gegenüber sich selbst, ihren Mitmenschen und der uns Lebensraum gewährenden Umwelt zu handeln. In diesem Sinne sind Vorbilder ein Angebot komprimierter Lebenserfahrung, welche in Entscheidungssituationen als erprobte und tragfähige Handlungsmuster zur Übernahme einladen. Sie werden durch einzelne Personen, Traditionen, Umgangsstile, Märchen bzw. Sinn-Geschichten oder durch den Volksmund im Leben wach gehalten. Und je häufiger und eindeutiger diese richtungsweisend ins Wort oder Bild gebrachten positiven Vor-Gaben im Lebensalltag von Kindern deutlich werden, desto prägender wird die Wirkung für unsere Kinder und Jugendlichen sein.
1. Vorbilder im Sinne neurophysiologischer Lern-Stimulation
„Leben heißt, Probleme lösen!“ Auch wenn diese aus Zentralafrika übernommene Redewendung manchem Zeitgenossen vielleicht etwas zu pessimistisch erscheinen mag, wer nicht von Kindesbeinen an lernt, sich im Leben möglichst gekonnt zurecht zu finden, wird später häufiger in selbst verursachte Krisen hineingeraten, als ihm oder ihr lieb ist. Effektives Lernen hätte sich demnach daran zu orientieren, so wenig wie möglich Probleme entstehen zu lassen, um somit alle verfügbare Kraft und Kreativität möglicht effektiv zur Bewältigung der mehr oder weniger einplanbaren Lebensumstände einbringen zu können. Ein äußerst intaktes Gehirn, ein guter Erfahrungsschatz im Umgang mit Herausforderungen sowie eine kräftige Portion Lebensmut sind dafür unabdingbar.
Wachsen Neugeborene ohne die notwendigen Reaktions-Anreize heran, wird eine altersgemäße Gehirnentwicklung entsprechend beeinträchtigt. Sind diese An-Regungen zu einseitig oder fehlt es an Kontinuität, wird anstelle von gedanklicher Regsamkeit die Inaktivität gefördert. Ob akustische, optische bzw. haptische Signale, Wärme und Kälte, Körperkontakte, das Spüren von Emotionen, die Geschmacks- und Geruchsentwicklung, kurz: alle Sinne benötigen zu ihrer Entwicklung eine kontinuierliche Förderung. Der aus dem Volksmund stammende Satz: „Sich regen bringt Segen!“ erhält in diesem Zusammenhang eine neue Aktualität. Zur Berücksichtigung dieses Grundsatzes hier eine Unterscheidung:
• Vorgaben, welche direkt die Sinne aktivieren bzw. zur Nachahmung anregen
Die Nähe zur Mutterbrust führt zu Such- und Saugverhalten; das Wiegen im Arm des Vaters löst Wohlbefinden aus. Ein Mobile bewegt sich, selbst wenn nur ein Detail berührt wird. Wenn Mutter „Nein!“ ruft, klingt ihre Stimme ganz anders als wenn sie sagt: „Komm her mein Schatz!“ Griesbrei schmeckt anders als Möhrensaft; bei Essen und Trinken wird zwischen heiß und kalt unterschieden; ein Schnuller ist weicher als ein Löffel. Wenn im Hause gebacken wird, verbreiten sich andere Gerüche als beim Hausputz. Das Licht von Kerzen unterscheidet sich von elektrisch erzeugter Helligkeit. Während die Stimmen aus dem Radio irgendwie irritieren, ist die Ansprache von Vater und Mutter wohltuend. Mal ist der Wind kalt und dann aber warm. Schnee ist weiß, Regen nicht, aber beides macht auf Dauer nass. Die Nacht bringt Dunkelheit und Ruhe während die Sonne den Tag durchdringt und ihm Kraft gibt. Immer werden die Sinne angeregt, neue Erfahrungen zu machen und diese nach Kategorien zu sortieren.
Darüber hinausgehend eignen sich Kinder durch die Erfahrungsfelder ‚Forschung, Handhabungserprobung und Nachahmung’ immer umfangreicher die sie umgebende dingliche Welt an. Ob Tastgegenstände, Bausteine, Kochlöffel, Bälle, Puppen, Klanginstrumente, Küchenschubladen, Treppen, Spiegel oder Gardinen, all diese Dinge faszinieren Kinder in der Regel so intensiv, dass sie zur eigenständigen Entdeckung im Umgang anregen. Werden sie in Aktion erlebt, erfahren Forscherverhalten und Nachahmungstrieb einen gewaltigen Schub. Mal geht der Aktivitätsdrang stärker vom Gegenstand aus, mal entwickelt er sich als Kopierversuch des Verhaltens von wichtigen Bezugspersonen. Bringt der Vater einen Ball zum Rollen, wird bald der Versuch gestartet, ebenfalls diese Bewegung einzuleiten. Singt die Mutter regelmäßig zum Auftakt der Nachtruhe ein Schlaflied, wird das Kind bald versuchen, sich in diese Melodie mit eigenen Eingaben einzubringen. Liest der Großvater den Enkeln häufig Geschichten vor, wird so das Interesse für ein eigenständiges Erkunden von Büchern grundgelegt. Reagiert die größere Schwester in barscher Form auf störende Attacken des kleinen Bruders, dauert es nicht lange, bis ähnliche Töne und Gesten von ihm zum Ausdruck gebracht werden, wenn dieser sich gestört fühlt.
Unabhängig von der unmittelbaren lebenspraktischen Bedeutung der verschiedenen Erfahrungen, werden bei all diesen - vielleicht noch so kleinen - Lernsequenzen wichtige Speichervorgänge und Schaltungen im Gehirn vorgenommen, welche unabhängig vom Inhalt eine lebenslange Bedeutung haben. Denn Lernen ist nichts anderes als Anregung zur Aufnahme von Neuem bzw. einem möglichst schnellen Finden und Aktualisieren von schon Bekanntem. Diese Vorgänge im Gehirn werden in der Fachsprache „als neuronale Erfahrung“ beschrieben. Jeder neue Input, jede Stimulation verändert bzw. erweitert die Funktionsfähigkeit des Gehirns durch einen Ausbau der Querverbindungen bzw. Kontakte der verschiedenen Gehirnareale. Neues wird abgespeichert und gleichzeitig mit ähnlichen Vorerfahrungen verknüpft, überaltertes aktualisiert, quasi mit einem Update versehen. Dementsprechend führt auch jede Unterversorgung mit Lernanreizen bzw. Sinnes-Erfahrungen zu einer reduzierten bzw. gestörten Entwicklung. PC-Spezialisten würden von ungenutzter Netzwerkkapazität bzw. von einem Netzwerkverfall sprechen. So wird z.B. nachvollziehbar, dass ein gezieltes Bewegungs-Training nicht nur die entsprechenden Gliedmaßen in ihrer Funktionsfähigkeit fördert, sondern die dabei ausgelösten „neurophysiologischen (hirnorganische Veränderung durch Netzwerkbildung) und neuropsychologischen (hirnfunktionale Veränderung durch Verbesserung der synaptischen Leitfähigkeit)“ Prozesse eine direkte Auswirkung auf die übrige Funktionsfähigkeit des Gehirns haben.
Das Muster lässt sich so umreißen: Nur wer in Bewegung bleibt, kann etwas bewegen. Mit anderen Worten: Sport erhöht gleichzeitig die Leistungsfähigkeit in den Bereichen Mathematik oder Sprache! Reiten kann intellektuelle Lernblockaden lösen. Das Spielen von Musikinstrumenten erhöht die Reaktionsgeschwindigkeit im Lern-Quiz. Auf diesem Hintergrund erhalten Pedalos, Stelzen, Trampolin, Schwebebalken, Rollschuhe oder Fahrräder einen weit über die Förderung von körperlichem Geschick hinausgehende Bedeutung. Die Lernmethoden in sogenannten unterentwickelten Kulturen berücksichtigen diese uns erst seit einigen Jahren vorliegenden Erkenntnisse der modernen Hirnforschung schon seit vielen Generationen, ohne sie überhaupt zu kennen. Denn in diesen Stammesgemeinschaften ist es ein fester Bestandteil der Einführung des Nachwuchses in die Welt der Erwachsenen, Lernen als Gemisch aus Gesang, Bewegung und sprachlicher Information zu organisieren. Spielerisch und gleichzeitig äußerst effizient werden Kinder so als Ganzheit von “Kopf, Herz und Hand“ angesprochen, wie dies auch schon vor über 100 Jahren von Pestalozzi und Fröbel gefordert wurde.
• Vorgaben, welche mittelbar Lern-Reaktionen und neue Verknüpfungen hervorrufen
Aber nicht nur unmittelbare Sinnesanregungen und eigenes Handeln in der Spannung von Erforschen und Nachahmen fördert die Funktionsfähigkeit des Gehirns, sondern neueste Forschungen haben ergeben, dass z.B. bereits die visuelle oder akustische Wahrnehmung von Bewegung, welche jedoch von jemand anderem ausgeführt wird, „spezifische Gehirnzellen der motorischen und sensomotorischen Rindenareale stimuliert und aktiviert.“ Mehr hierzu in dem Handbuch-Beitrag von Hans Biegert: Wie Kinder von Vorbildern lernen. - Eine Einführung in die Neurobiologie des Lernens Das heißt, die plastische Vorstellung eines Objektes oder einer Situation aktiviert die gleichen Hirnregionen wie ein unmittelbares Betrachten.
Demnach löst alleine die indirekte Beobachtung von Vorgängen zielgerichtete Reaktionen aus, indem die Wahrnehmung gesteuert und unterschiedlichste Aktivitäten eingeleitet werden. Bilder von einem gefährlichen Abenteuer lösen Spannung und Angst aus, die „Sendung mit der Maus“ aktiviert Forschungsinteresse und der TV-Bericht über das Leben von Eskimo-Kindern kann selbst im warmen Wohnzimmer eine Gänsehaut entstehen lassen. Damit würde aber auch bestätigt, dass Gewalt-Exzesse häufig eine direkte Folge des Sehens von ‚Vor-Bildern’ in entsprechenden Filmen oder Bildschirm-Spielen sind. So neu ist diese Erkenntnis eigentlich gar nicht, denn die Werbe-Branche baut ihre ganzen Strategiekonzepte darauf, dass anregende Bilder ins Handeln führen, um so die Konsumlust zu fördern und zum Kaufen anzufeuern.
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Weiterführende Literatur:
Wunsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit, München 2000, achte Auflage 2004
Wunsch, Albert: Abschied von der Spaßpädagogik. Für einen Kurswechsel in der Erziehung. München 2003, zweite Auflage 2004
Wunsch, Albert: Neue Herausforderungen für Pädagogik und Familienpolitik. In: ORIENTIERUNGEN zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Organ der Ludwig-Erhard
Stiftung, Heft März 2004, Bonn
Wunsch, Albert: Erziehungsprinzip Verantwortung. (Grundsatzreferat beim 108. Bundeskongress des VkdL). In: Katholische Bildung; Verbandsorgan des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen. Heft Sept. 2004, Essen
Weitere Beiträge im Online-Familienhandbuch:
>Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt?
>Abschied von der Spaßpädagogik
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