Kinder brauchen Vorbilder (2)

Kinder brauchen Vorbilder (2)
Die Vorbereitung der jungen Menschen auf ihre zukünftigen Aufgaben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft stellt sich in der aktuellen kulturellen Situation als nicht leicht dar. Vorbilder spielen dabei eine entscheidende Rolle. Albert Wunsch gibt in einer Artikelserie grundsätzliche Orientierungen für diese wichtige Erziehungsdimension.
2. Vorbilder im Sinne einer lebenspraktischen Weltaneignung
So eigenwillig wie klein Felix macht sonst nur noch Opa Olaf die Schnürsenkel zu; die Redewendung: „Ja, ja, ich komme gleich sofort!“ hat Ursula eindeutig von der Mutter übernommen; die Art, wie Sebastian mit: Zappralot noch mal!“ Missfallen zum Ausdruck bringt, ist eine perfekte Kopie des Verhaltens von Vater in vergleichbaren Situationen. Und wenn die 13jährige Jutta die Sommerferien bei Oma auf dem Bauernhof verbracht hat, wird sie sich wieder ein paar neue Kochrezepte angeeignet haben. Alle Bezugspersonen von Kindern werden so - ob gewollt oder nicht - zur Kopiervorlage.
„Wenn ich an meinen Großvater denke, dann sehe ich ihn mit Nadel und Reihgarn hantierend - aus seiner schlesischen Heimat erzählend - auf dem Zuschneide-Tisch sitzen, während ich als Sechsjähriger in der Restekiste nach schönen Futterstoffen suchte, um diese anschließend - mit kleiner fachlichen Unterstützung - auf der Nähmaschine in Puppenkleider für meine Petra zu verwandeln. Heute denke ich als Erwachsener gerne an diese Zeit, denn die Erfahrungen in Opas Schneiderwerkstatt wurde zur Voraussetzung dafür, recht gut das Nähen und den Umgang mit Schnittmustern erlernt zu haben.“ Dieser Rückblick eines Mittfünfzigers offenbart, wie anregend die Atmosphäre - zwischen Stoffballen, Schneiderwatte, Großbügeleisen und Nähmaschine - bei Großvater für den kleinen Enkel gewesen sein muss.
Ähnliches vollzieht sich im Umgang mit Kindern in Küchen, Backstuben, Wäschezimmern, Pferdeställen oder Werkstätten, auf Bauernhöfen oder im Schrebergarten. So wird eine zum Beobachten, Fragen und Mitmachen anregende Situation in der Verbindung mit ermutigenden Menschen, welche in einer Mischung aus Zulassen, Herausfordern und Fördern einem Kind oder Jugendlichen neue Erfahrungsräume erschließen, zur Schlüsselerfahrung für das Entwickeln von Interesse, Wollen und Können. Fehlt diesem Lernfeld die Breite und Vielfalt, weil ängstliche oder verwöhnende Erwachsene die von Kindern und Jugendlichen zu machenden Erfahrungen nicht zulassen, wird jeglichem Wachstum von Lebensmut und Handlungsgeschicklichkeit der Nährboden entzogen. Stattdessen wird sich Zögerlichkeit, Unvermögen und Versagen ausbreiten.
Aber nicht nur Sprachmuster, Alltagsgeschicklichkeit, Krisenmanagement oder Strategien zur Wissensaneignung werden kopierend und kooperierend erlernt, sondern die dabei deutlich werdenden Handlungsabläufe, ob als Gepflogenheit, Ritual oder Tradition, erhalten ebenso eine Vor-Bild-Funktion. So lernt ein Kleinkind z.B. nicht nur die Geschicklichkeit im Umgang mit einer Zahnbürste, sondern übernimmt in der Regel gleichzeitig von den Eltern oder älteren Geschwistern die Säuberungs-Intervalle. So werden Nahrungsaufnahme und anschließende Zahnreinigung zu einem Gesamtvorgang. Regelmäßig wiederkehrende Handlungen im Tagesgeschehen oder Jahresablauf erleichtern ihre Beachtung und stützen die Verwirklichung von Zielsetzungen, ohne sich immer erneut in eine reflektierte Entscheidungssituation bringen zu müssen.
Dies gilt ganz besonders für Kleinkinder. Ob abendliche ‚gute-Nacht-Rituale’ in der Familie, Standard-Abläufe bei gemeinsamen Mahlzeiten, gesellschaftliche Höflichkeitsregeln, Traditionen in der Gestaltung von Festen, am Wochenablauf orientierte Säuberungsaktionen an Körper oder Zimmer, immer geben regelmäßig wiederkehrende Handlungsabläufe Kindern und Jugendlichen emotionale Sicherheit und kognitive Orientierung. Je stimmiger und selbstverständlicher diese Muster von den vor-lebenden Personen des direkten Umfeldes übernommen werden konnten, umso effektiver werden solche - sich quasi selbst steuernden Handlungs-Rhythmen - das alltägliche Handeln entlasten bzw. stabilisieren.
(wird fortgesetzt)
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Weiterführende Literatur:
Wunsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit, München 2000, achte Auflage 2004
Wunsch, Albert: Abschied von der Spaßpädagogik. Für einen Kurswechsel in der Erziehung. München 2003, zweite Auflage 2004
Wunsch, Albert: Neue Herausforderungen für Pädagogik und Familienpolitik. In: ORIENTIERUNGEN zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik. Organ der Ludwig-Erhard
Stiftung, Heft März 2004, Bonn
Wunsch, Albert: Erziehungsprinzip Verantwortung. (Grundsatzreferat beim 108. Bundeskongress des VkdL). In: Katholische Bildung; Verbandsorgan des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen. Heft Sept. 2004, Essen
Weitere Beiträge im Online-Familienhandbuch:
>Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt?
>Abschied von der Spaßpädagogik
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