Wall Street: Geld schläft nicht

 Geld schläft nicht
Oliver Stones Spielfilm „Wall Street“ (1987) traf den Nerv seiner Zeit. Obwohl die von Michael Douglas verkörperte Hauptfigur Gordon Gekko wegen Insidergeschäfte ins Gefängnis wanderte, wurden sowohl Gekkos Accessoires (teure Hemden mit noch teureren Manschettenknöpfen, breite Hosenträger) als auch Gekkos zynische Sprüche („Wenn Du einen Freund brauchst, kauf Dir einen Hund“) stilbildend für eine ganze Broker-Generation. „Wall Street“ wurde zum Film schlechthin für die vom Aktionärswert („Shareholder-Value“) diktierte Finanzwelt der neunziger Jahre. Nicht von ungefähr fand der Höhepunkt von „Wall Street“ in einer Aktionärsversammlung statt, bei der Gordon Gekko seine bekannteste Lebensweisheit aussprach: „Gier ist gut“ („Greed is good“).
Filmische Qualität: 3 von 5 Punkten
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Michael Douglas, Shia LaBeouf, Josh Brolin, Carey Mulligan, Eli Wallach, Susan Sarandon, Frank Langella, Charlie Sheen, Martin Sheen
Land, Jahr: USA 2010
Laufzeit: 133 Minuten
Genre: Drama
Publikum: Ältere Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: obszöne Dialoge

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Wenn 23 Jahre danach Regisseur Oliver Stone die Fortsetzung seines einstigen Erfolgs „Wall Street: Geld schläft nicht“ vorlegt, dann steht hinter dem ehemaligen Spruch freilich ein Fragezeichen: „Ist Gier gut?“ lautet das Buch, mit dem sich Gordon Gekko im Juni 2008 der Öffentlichkeit erneut präsentiert, nachdem er sieben Jahre zuvor aus dem Gefängnis entlassen wurde. Die Szene mit der Entlassung aus dem Gefängnis, die als eine Art Prolog der eigentlichen Handlung von „Wall Street: Geld schläft nicht“ vorangestellt ist, verdeutlicht den Lauf der Zeit etwa in dem riesigen Mobiltelefon, das zusammen mit den einstigen Statussymbolen Gekko ausgehändigt wird. Nur eines hat sich nicht geändert: Wird etwa ein Rapper mit einer Stretchlimousine abgeholt, so wartet auf den Finanzhai von ehedem kein Freund, keine Familie.
Was aus Gekkos Familie geworden ist, erfährt der Zuschauer bald: Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter Winnie (Carey Mulligan) will nichts von ihm wissen, weil sie ihm den Drogentod ihres Bruders anlastet. Obwohl Winnie eine alternative Non-Profit-Internetplattform betreibt, lebt sie mit dem Börsenhändler Jake Moore (Shia Labeouf) zusammen. Allerdings interessiert sich Jake für alternative Energien – dem wissenschaftlichen Leiter eines entsprechenden Unternehmens verspricht er eine Finanzierung in Höhe von 100 Millionen Dollar. Gegenüber dem Börsenmakler alter Schule à la Gekko verkörpert Jake den zeitgemäßen Investmentbanker, der sich auf umweltschonende Energieformen spezialisiert hat.
Vorangetrieben wird die Handlung durch eine Tragödie: Jakes Mentor und Chef Lou Zabel (Frank Langella) begeht Selbstmord, nachdem ihn die Bankenaufsicht unter dem Einfluss seines Konkurrenten Bretton James (Josh Brolin) in die Enge getrieben hat. Jake schwört Rache und findet einen Verbündeten ausgerechnet in seinem Schwiegervater in spe, der ebenfalls mit Bretton James noch eine Rechnung offen hat. Aber Gordon Gekko möchte sich auch mit seiner Tochter versöhnen. Oder ist dies nur Teil eines undurchsichtigen Manövers, um an die 100 Millionen Dollar heranzukommen, die er Winnie in der Vergangenheit überschrieben hatte?
Mit „Wall Street: Geld schläft nicht“ liefert Oliver Stone seinen Kommentar zur Finanzkrise. In dieser Hinsicht zeigt er sich vorausschauend, denn das Drehbuch von Allan Loeb war bereits vor dem letzten Börsencrash fertiggestellt. Ebenso weitblickend zeigt sich der amerikanische Regisseur in der künftigen Bedeutung der Umwelttechnologien für die Finanzwelt. Analog zum ersten „Wall Street“-Film von 1987 gipfelt seine Kapitalismuskritik in einem Vortrag Gordon Gekkos, bei dem der ehemalige Finanzhai und nun gefeierte Buchautor den Untergang der Finanzmärkte verkündet: „Gier ist jetzt sogar noch legalisiert!“ Dies führe allerdings zur neuen Generation der „Ninjas“ („no income, no jobs, no assets“ – „kein Einkommen, keine Arbeit, kein Vermögen“).
Das komplexe Drehbuch verknüpft die teilweise kaum durchschaubare Handlung um Geld, Macht und Betrug mit einem Familienkonflikt, der insbesondere in seiner Auflösung arg konstruiert wirkt. Obwohl die Zuschaustellung des Geldes bereits zum Konzept des ersten „Wall Street“ gehörte, nimmt sie hier vor allem in der Galadiner-Sequenz derart überhand, dass sie genauso aufgesetzt wirkt wie der selbstbewusste Gastauftritt von Bud Fox (Charlie Sheen), der sich im ersten „Wall Street“-Film vom Gekkos Bewunderer zu dessen Widersacher mauserte. Zwar gelingt es der Kamera von Rodrigo Prieto schöne Parallelen zwischen der Wolkenkratzer-Silhouette von Manhattan und den Aktienkurs-Kurven, aber die wiederholten Kamerafahrten an den Häuserfassaden entlang und die immer wieder eingesetzten Vogelperspektiven auf Manhattans Skyline ermüden auf Dauer.
Die Frische des Originals erreicht „Wall Street: Geld schläft nicht“ zwar selten. Wenn er dennoch den Zuschauer immer wieder fesselt, dann nicht nur wegen der interessanten, darin aufgeworfenen Fragen, sondern insbesondere auch wegen der Charakterentwicklung von Gekkos Tochter Winnie, die von einer Carey Mulligan in Höchstform äußerst glaubwürdig dargestellt wird.

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