Wo ist Liebe zu finden?

von Daan van Schalkwijk - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Millionen junger Menschen in der ganzen Welt bereiten sich auf die Teilnahme am Weltjugendtag 2016 (26. – 31.7.)in Krakau, Polen vor, um ihre Beziehung zu Gott, zur Kirche und untereinander zu festigen. Die Popularität dieser Tage zeigt, wie wichtig diese Beziehungen für viele sind. Doch immer noch lassen die westliche akademische Welt und die Gesellschaft erkennen, dass nicht jeder einen Sinn darin sieht.

Sollte es wirklich unmöglich sein, Wahrheit und Schönheit der Erfahrungen, die junge Menschen am Weltjugendtag machen, mit Akademikern und Gesellschaft zu teilen? Wer diesen Fragen auf den Grund gehen möchte, ist zur Teilnahme an einem Kongress direkt nach den Weltjugendtag eingeladen.

Der zweite Kongress der International Association of Philosophical Anthropology thematisiert „Transzendenz und Liebe für eine neue globale Gesellschaft“. Die Kongresssprache ist Englisch; es wird ein hochkarätiges Panel internationaler Wissenschaftler erwartet, die die Auswirkungen Philosophischer Anthropologie und Ethik in den vielfältigen Bereichen menschlicher Arbeit, Kultur und Geschichte untersuchen. Schon viele Philosophen haben sich mit Liebe und Transzendenz beschäftigt: Plato, Augustinus, Thomas von Aquin, Scheler, Mauss, von Hildebrand, Arendt, Derrida, Ricoeur, usw. Wir werden uns mit den anthropologischen Erkenntnissen von Johannes Paul II. und Leonardo Polo beschäftigen, die dazu herausfordern, eine Kultur der Liebe aufzubauen, die offen ist für das Transzendente.

Singen im Regen

Wer auf dem Weltjugendtag 2011 in Madrid mit dabei war, wird sicher diese Begebenheit nie vergessen: Zur Zeit der Vigil hatten sich etwa zwei Millionen Teilnehmer auf dem Gelände eingefunden, nach einem langen Tag wandern und Schlange-Stehen in glühender Hitze. Als Papst Benedikt eintraf, gab es plötzlich ein gewaltiges Unwetter, schwarze Wolken ergossen heftigen Regen und drohten, die Veranstaltung zu torpedieren. Die Aussicht, unter diesen Umständen, ohne Zelte, die Nacht im Freien zu verbringen, war alles andere als erfreulich. Doch die Menschen hörten nicht auf, im Regen zu singen und der Papst blieb unbewegt auf der Bühne stehen.

Nach etwa einer Viertelstunde kam jemand von der Organisation und bat die Teilnehmer zu beten, dass der Regen aufhören möge. Sie begannen zu beten, der Regen hörte auf. Die Wolken verzogen sich, die Vigil konnte fortgesetzt werden. Während der Nacht fielen nur noch ein paar Tropfen Regen. Es war eine schöne und eindrucksvolle Erfahrung. Der Sprecher des Papstes sagte später: „Benedikt XVI. hatte sich fest vorgenommen, im Sturm unbedingt auszuharren… Der Sturm ist ein Gleichnis für das christliche Leben, in dem selbst in größter Not ein vertrauensvolles Gebet mit der Kraft des Glaubens hilft, die Schwierigkeiten zu überwinden.“

Beziehungen sind wichtig

Dieser Sturm kann ebenso Sinnbild für den Stellenwert unserer Beziehung mit Gott, der Kirche und der Liebe zum Nächsten in unserer Gesellschaft sein. Viele Menschen begreifen nicht die Wichtigkeit solcher Beziehungen oder leugnen gar deren Möglichkeit. Die Frage ist: warum?

Einer der Hauptgründe, warum Wissenschaftler oft die Wichtigkeit solcher Beziehungen nicht begreifen, liegt im Stellenwert, den sie der Wissenschaft als solcher zumessen. Diese basiert auf Experimenten: einer Wiederholung von Messreihen, die ein plausibles Ergebnis liefern sollen. Doch Gott lässt sich nicht „ermessen“. Die Intensität einer Liebesbeziehung kann nicht gemessen werden; man kann vielleicht den Spiegel einiger Hormone bestimmen, doch beschreibt dies keinesfalls eine Beziehung. Deshalb sagen manche Forscher: wenn sich diese Dinge nicht messen lassen, wie können wir sie untersuchen? Und wenn sie sich nicht untersuchen lassen, welchen Stellenwert haben sie dann für Wissenschaft oder Gesellschaft?

Gedanken über die Liebe

Ein Biologe wie ich würde nie den Nutzen experimenteller Forschung in Abrede stellen, doch nur Messbarem einen Wert zuzubilligen ist ein schwerer Fehler. Nicht alle Realitäten unseres Lebens lassen sich quantifizieren. So ist z. B. die gegenseitige Liebe unserer Eltern, neben anderen Dingen, für uns sehr wichtig, denn ihr verdanken wir unsere Existenz und sie ist ein wichtiger Faktor, uns zu dem werden zu lassen, was wir sind. Wenn wir also ihre Liebe nicht ermessen können, sollten wir uns dann versagen, darüber nachzudenken? Müssen wir dann nicht die Herausforderung annehmen, Wege zu finden, diese wichtige Realität zu begreifen? Liebe als Forschungsgebiet auszugrenzen würde dem Ethos eines Wissenschaftlers widersprechen. Forscher sind dazu aufgerufen, in allen Dingen nach der Wahrheit zu suchen und nicht nur in den Gebieten, die sie leicht durchdringen können.

Junge Menschen lieben den Weltjugendtag deshalb so sehr, weil sie dort ihre Beziehung zu Gott, zur Kirche und ihren Mitmenschen als wahr, gut und schön empfinden. Gibt es also Wege, diese Liebe für die Forschung attraktiv zu machen, in einer klaren, akademisch schlüssigen Weise? Ja es gibt sie und sie wurde uns von großen Denkern, wie Johannes Paul II., dem Initiator der Weltjugendtage, und dem Philosophen Leonardo Polo nahegebracht, der eigene Methoden zur Einsicht in die Beziehungen von Personen entwickelt hat. So soll nach dem Weltjugendtag in Krakau, wie schon erwähnt, ein Kongress über diese beiden Denker stattfinden, um aus den Erfahrungen des abgelaufenen Weltjugendtages eine wissenschaftliche Diskussion anzustoßen. Jeder, der diese Aktivität unterstützen möchte, ist zur Teilnahme eingeladen.

Ob jemand nun am Kongress teilnehmen kann oder nicht, er sollte sich die Frage stellen: Was kann ich aus dieser Erfahrung des Weltjugendtages lernen? Muss ich nicht ernsthaft über meine Schlüsselbeziehungen nachdenken? Sollte ich nicht auch versuchen, im Regen zu singen?

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Daan van Schalkwijk lebt in Amsterdam. Er lehrt Statistik und Biologie am Amsterdam University College und ist Direktor des Leidenhoven College in Amsterdam. Er bloggt auf Science and Beyond.