Sommerzeit - Zeckenzeit

Sommerzeit - Zeckenzeit
Der vergangene milde Winter hat erfahrungsgemäß sicher mehr Ungeziefer überleben lassen als ein strenger. Das trifft auch für Zecken zu. Mit Beginn der „Outdoor-Jahreszeit“ steigt die Möglichkeit, von einer Zecke gestochen zu werden. Inzwischen ist hinreichend bekannt, dass durch Zecken auch schwerwiegende Erkrankungen übertragen werden können: die sogenannte Frühsommer-Meningoencephalitis (FSME) und – weitaus häufiger – die Lyme-Borreliose. Wie groß ist die Gefahr für draußen spielende Kinder und was kann man tun, um das Risiko einer Erkrankung zu verringern?
Gegen Frühsommer-Meningoencephalitis kann man sich vorbeugend impfen lassen; die Lyme-Borrelioset lässt sich mit Antibiotika behandeln. Gegen beide hilft: geschlossene Kleidung und regelmäßige Zeckeninspektion des ganzen Körpers, beides nicht besonders bequem.
Bei nachgewiesen zunehmender Zahl durch Zeckenstich verursachter Erkrankungen in den letzten Jahren (vor allem seit 2005) raten viele Ärzte zur Impfung, andere sprechen gelassen von „Zeckenhysterie“. Wie kann man diesbezüglich für sich selbst und seine Angehörigen verantwortlich handeln?
Zecken gehören zur Familie der Spinnentiere (Spinnenmilben), die vor allem in hohem Gras, Büschen und Laub leben. Sie bevorzugen Feuchtigkeit und nicht zu niedrige Temperaturen (mindestens 7 – 10 Grad Lufttemperatur) und überwintern inaktiv in den oberen Bodenschichten. Sie durchlaufen in 1- 3 Jahren drei Entwicklungsstadien (Larve, Nymphe, Adultes Insekt), und ernähren sich vom Blut ihrer Wirte, in Europa bevorzugt Nagetiere und Rotwild. Bei ihren Blutmahlzeiten nehmen sie auch Krankheitserreger auf, die sie dann an den nächsten Wirt weitergeben können. Da sie auch Menschenblut „mögen“, ist die Übertragung von Krankheitserregern auf den Menschen möglich. Ein spezielles Geruchsorgan an den Vorderbeinen lässt sie ihr Opfer meterweit wittern. Sie lassen sich bei Berührung vom Blatt oder Gras auf die Haut abstreifen und suchen dann die geeignete Stelle für ihre Blutmahlzeit. Bevorzugt werden Orte mit dünner Haut, wie hinter den Ohren, in den Achselhöhlen oder der Schamregion, bei Kindern Hals und Kopf. Durch Abgabe eines lokal betäubenden Sekrets bleibt der Einstich schmerzfrei und damit unbemerkt.
Die am häufigsten durch Zecken auf den Menschen übertragenen Erreger, die zum Teil schwerwiegende Krankheitsbilder hervorrufen, sind bei uns Borrelien und Frühsommer-Meningoencephalitis-Viren.
Lyme-Borelliose
1982 wurde eine bisher unbekannte Spirochäte der Gattung Borrelia isoliert, die in den 70er Jahren als Erreger von gehäuft im Sommer und Frühherbst bei Jugendlichen der Stadt Lyme (Connecticut) aufgetretenen Gelenkentzündungen nachgewiesen werden konnte.
Das Risiko einer manifesten Erkrankung nach Infektion mit dem Erreger liegt zwischen 0,3 und 4%; es steigt mit der Dauer des Saugaktes, weshalb ein frühzeitiges Entdecken und Entfernen der Zecke erstrebenswert ist.
Verschiedene Manifestationen
Die Frühsymptome sind unterschiedlich, am häufigsten findet sich die „Wanderröte“(ca 50%), oft als einziges Symptom oder in Verbindung mit unspezifischen Allgemeinsymptomen (Fieber, Muskel- und Kopfschmerzen, Lymphknotenschwellung). Die Symptome treten einige Tage oder auch Wochen nach dem Zeckenstich auf.
Weitaus seltener (ca 3%) ist der Befall von Nerven und Hirnhäuten (Neuroborreliose). Es kommt zu brennenden Nervenschmerzen, auch Lähmungen (bevorzugt ist der Gesichtsnerv). Noch seltener sind ein Herzbefall oder kleine Hauttumoren.
Auch nach Monaten oder Jahren kann es noch zum Auftreten von Spätformen der Lyme-Borreliose kommen. Es können Hautatrophien oder Gelenkentzündungen (vor allem Knie- und Sprunggelenk) auftreten. Sehr selten ist die chronische Neuroborreliose mit schwerwiegenden Störungen des Nervensystems.
Die Diagnose wird vor allem auf Grund der Anamnese (nachgewiesener oder wahrscheinlicher Zeckenstich) und die typischen Krankheitsmerkmale (vor allem „Wanderröte“) gestellt und kann durch Laborwerte bestätigt werden.
Therapie
Die Therapie der Wahl sind Antibiotika, unterschiedlich für Kinder und Erwachsene. Sie ist in der Frühphase am wirksamsten, ist aber auch bei Spätmanifestationen noch angebracht.
FSME
Das Frühsommer-Meningoencephalitis Virus wurde in Deutschland erstmals 1959 isoliert. Vorher war es schon in Osteuropa, Asien und auch Österreich bekannt
Man geht davon aus, dass die meisten Infektionen unbemerkt oder wie ein Erkältungsinfekt ablaufen (Inkubationszeit 1-2 Wochen). Bei etwa 10% aller Infizierten kommt es nach einer vorübergehenden Besserung plötzlich zu einem schweren Krankheitsbild mit hohem Fieber, Übelkeit, Erbrechen und Muskelschmerzen. Da Hirnhäute, Rückenmark und auch das Gehirn befallen sein können, treten auch Lähmungen, Sprach-und Gleichgewichtsstörungen sowie Konzentrationsstörungen und Stimmungsschwankungen auf, die sich über Monate hinziehen; manchmal bilden sie sich nur unvollständig oder gar nicht mehr zurück. Etwa 1% der Erkrankungen verläuft tödlich.
Die Diagnose wird durch Blut- und Rückenmarkswasser-Untersuchungen gesichert. Eine spezifische Therapie gibt es nicht. Bei schweren Verläufen sind intensivmedizinische Maßnahmen und aufwendige Rehabilitationen erforderlich.
Die Schwere des Verlaufs und die Anzahl der Komplikationen und bleibenden Behinderungen steigt mit zunehmendem Alter kontinuierlich an.
Impfung
Als wirksamer Schutz vor FSME gilt die Impfung mit inaktivierten FSME-Viren. Für eine Grundimmunisierung werden insgesamt 3 Impfdosen innerhalb von 9 bis 12 Monaten appliziert. Bei Bedarf ist auch eine „Schnellimmunisierung“ möglich: hierbei wird die 2. Dosis bereits nach 1- 2 Wochen (sonst nach 1-3 Monaten) verabreicht. Bei 90% der Geimpften kann 2 Wochen nach der 2. Impfung bereits mit einem wirksamen Schutz gerechnet werden. Eine Auffrischimpfung sollte nach derzeitigen Erkenntnissen alle 3 bis 5 Jahre erfolgen.
Schwerwiegende Nebenwirkungen sind seit Einführung neuer Impfstoffe (2002) nicht mehr gemeldet worden. Bei bis zu einem Drittel der Impflinge wird eine leichte Lokalreaktion beobachtet, bei etwa 1% tritt Fieber auf.
Die Durchimpfungsrate liegt in Österreich – wo seit Jahren immer wieder auch auf Plakaten für die Impfung geworben wird – bei 80%; in Bayern (ebenfalls Risikogebiet) bei 16%.
Häufigkeit und Risikogebiete
Seit 2001 besteht in Deutschland für den direkten oder indirekten Nachweis von FSME-Erregern eine Meldepflicht. Seitdem findet sich ein deutlicher Anstieg der Erkrankungszahlen. Hierbei spielen wohl verschiedene Faktoren eine Rolle, wie zunehmende Freizeitaktivitäten, klimatische Bedingungen und auch die Tatsache der erhöhten Aufmerksamkeit wegen der Meldepflicht. Die Altersverteilung ist zweigipfelig: 5-14-jährige Kinder sowie 40-70-jährige Erwachsene sind am häufigsten unter den Erkrankungsfällen.
Als Risikogebiete gelten Österreich, Baden Würtemberg und Bayern. Manchmal findet man „Risikokarten“, in die viele Faktoren eingehen. Eine Neudefinition der Risikogebiete wird derzeit von Experten empfohlen. Über das regionale Vorkommen von FSME Viren übertragenden Zecken können die örtlichen Gesundheitsbehörden normalerweise aktualisierte Auskunft erteilen.
Empfehlungen für eine vernünftige Prophylaxe
Welche Maßnahmen sind vernünftig oder sogar notwendig angesichts der bisher referierten Fakten?
Festzuhalten gilt: Zecken können 2 verschiedene Krankheitserreger (Borrelien und FSME-Viren) übertragen, tun dies aber insgesamt äußerst selten.
Allgemeine Schutzmaßnahmen sind das Vermeiden von Spaziergängen durch Unterholz und hohe Gräser, das Tragen von heller fester Kleidung (z.B. Hosenbeine in die Socken stecken) und die gründliche Inspektion des Körpers nach möglichem Zeckenkontakt.
Hat man eine Zecke entdeckt, sollte diese so bald wie möglich mit einer spitzen Pinzette herausgedreht werden. Zeigt sich nach einigen Tagen an dieser Stelle eine Hautrötung, ist eine antibiotische Therapie indiziert. Tiefe chirurgische „Ausschneidungen“ sind nicht erforderlich. Fast alle rechtzeitig antibiotisch behandelten Borreliose-Infektionen heilen vollständig aus.
In Risikogegenden tragen stellenweise 20% der Zecken Borrelien. Entfernt man die Zecke früher als 8 Stunden nach Beginn des Saugaktes, werden praktisch keine Erreger übertragen. Da die Zecke zur Vermeidung einer Blutgerinnung immer mal wieder das Blut zusammen mit Verdauungssäften in den Stichkanal zurückpumpt und dabei zunehmend die im Verdauungstrakt sitzenden Borrelien abgibt, steigt mit der Zeit die Gefahr der Übertragung (Zecken saugen bis zu 24 Stunden).
Die FSME-Viren befinden sich in den Speicheldrüsen der Zecken und werden daher sehr schnell nach Beginn des Saugaktes übertragen. Aber auch hier reduziert ein frühzeitiges Entfernen der Zecke die Infektionsgefahr.
FSME-Infektionen verlaufen bei Kindern fast immer harmlos wie eine Erkältung oder völlig unbemerkt. Schwere Verläufe kommen fast nur bei älteren Erwachsenen vor.
Die (inzwischen komplikationsfreie) Impfung ist deshalb nach derzeitigem medizinischem Wissensstand nur für ältere Erwachsene zu empfehlen, die sich (z.B. zum Urlaub) in ein Risikogebiet begeben und dort auch nicht nur auf befestigten Wegen aufhalten möchten. Auch Menschen, die in einem Risikogebiet wohnen und sich oft in der freien Natur aufhalten oder arbeiten, sollten von der spezifischen Prophylaxe der ungefährlichen Impfung Gebrauch machen.
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