Das Zeitalter der Alten

Das Zeitalter der Alten
Bevölkerungsanteil und Zahl alter Menschen sind in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel - Diese bemerkenswerte Aussage kommt aus der Abteilung für Bevölkerung bei den Vereinten Nationen, die sich für Bevölkerungspolitik zuständig sieht.
von Vincenzina Santoro - aus dem Englischen übertragen von Horst Niederehe
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Bevölkerungsentwicklung in den verschiedenen Ländern

In einem kaum beachteten Papier mit dem Titel: World Population Ageing 2009 stellen die Autoren fest, dass die Bevölkerungsalterung „weitgreifend, schwerwiegend und dauerhaft“ sei. Alle Länder sind von dieser Entwicklung mehr oder weniger betroffen. Ökonomische und soziale Auswirkungen dieser Entwicklung sind weit reichend, da der Prozess immer mehr Fahrt aufnimmt, insbesondere in den Industrieländern. 2009 waren 22% der Einwohner von Industrieländern älter als 60 Jahre.
Es wird erwartet, dass dieser Anteil 2050 bei 33% liegen wird. Der Anteil der Alten übersteigt heute schon die Zahl der Kinder unter 15, und 2050 werden auf jedes Kind zwei über 60-jährige kommen. Nach den Statistiken der UN hat sich die Zahl älterer Menschen innerhalb der vergangenen 60 Jahre verdreifacht und wird sich bis 2050 noch einmal verdreifachen. Die Kohorte der über 80-jährigen stellt heute bereits 4% der Weltbevölkerung. Diese Gruppe wächst am schnellsten, dabei werden Frauen im Durchschnitt älter als Männer. In dem Zusammenhang ein interessantes Detail: HALLMARK, größter Grußkarten-Hersteller der USA, hat im Jahr 2007 85.000 Geburtstagskarten für 100-jährige verkauft.
Eine weitere UN-Publikation zur Bevölkerungspolitik wertete die Rückläufe von Regierungen auf Fragen nach deren vordringlichsten Bevölkerungsproblemen aus. 79% der Regierungen entwickelter Industrieländer nannten Überalterung als „Hauptproblem“, gefolgt von HIV/AIDS, zu geringe Reproduktion und eine „zu geringe oder gar abnehmende Zahl von Menschen im arbeitsfähigen Alter“. Die veröffentlichen Daten zeigen, welche Sorgen die Überalterung der Bevölkerung in den einzelnen Kontinenten bereitet:
Befragung zur Bevölkerungspolitik

Frage: Für wie beunruhigend halten Sie die Bevölkerungsentwicklung?

Quelle: United Nations Population Division, World Population Policies 2009
Es ist schon verblüffend, wie sehr Überalterung in Nordamerika, Europa und auch Lateinamerika gefürchtet wird. Afrika, dessen Anteil an der globalen Bevölkerung nur 15% beträgt, hat viele Länder mit hoher Fruchtbarkeit, doch auch mit geringer Lebenserwartung. Ozeanien ist relativ dünn besiedelt.
Nach Angaben der UN gab es 2009 insgesamt 29 Länder mit über 20% Anteil von Menschen über 60 Jahre. Japan führt die Liste an, gefolgt von Europäischen Ländern. Die 5 Spitzenreiter waren nach Japan (29.7%), Italien (26.4%), Deutschland (25.7%), Schweden (24.7%), and Bulgarien (24.2%). Den 30. Platz belegte Kanada (19.5%), die USA (17.9%) kamen auf Platz 42.
Unter den 196 befragten Ländern zeigte sich ein starker Kontrast zwischen den o.g. Ländern und denen, deren Anteil an Menschen über 60 niedrig ist: Qatar (1.9%), Arabische Emirate (1.9%), Burkina Faso (3.3%), Sierra Leone (3.5%), und Niger (3.5%). Auch das mittlere Alter variierte in den verschiedenen Ländern extrem: in Japan beträgt es 44,4 Jahre, ungefähr das dreifache von Niger, das mit 15 Jahren das Ende der Liste markiert.
Japan, das Land der Langlebigen

Japan führt ohne Zweifel die Liste der Langlebigen an. Die Lebenserwartung der Japaner liegt bei 82.3 Jahren, was sicher einer guten Gesundheit, Hygiene und den Essgewohnheiten zu verdanken ist. Angesichts schrumpfender Bevölkerung und fortschreitender Vergreisung äußerte sich der japanische Delegierte 2011 bei der UN Commission for Social Development so: „Japan ist heute eine Gesellschaft der Alten. Der Anteil der Japaner über 65 liegt über 23%.“
Die rapide Alterung der japanischen Bevölkerung geht einher mit einer schwachen Wirtschaftsleistung, die nun schon zwei Jahrzehnte andauert. Die Wirtschaft, die über viele Jahre alles richtig gemacht zu haben schien, und um deren Leistungsfähigkeit viele Japan beneideten, begann um etwa 1990 zu stagnieren. Dies geschah nicht allein infolge einer fragwürdigen Kombination von Wirtschafts- und Fiskalpolitik, sondern war ebenso durch Überalterung der Gesellschaft, niedrige Geburtenrate und nicht zuletzt durch eine zögerliche Einwanderungspolitik, die Migranten die Ansiedlung in Japan erschwerten, verursacht. Die wirtschaftliche Stagnation, die zum sog. „verlorenen Jahrzehnt“ führte, hat sich bis in das zweite Jahrtausend ausgedehnt.
Die drei Spitzenreiter unter den vergreisenden Ländern, Japan, Italien und Deutschland, haben, wie auch andere, Maßnahmen ergriffen und gefördert, dieser Entwicklung zu begegnen. Anreize zur Frührente wurden kassiert, damit ältere Menschen länger arbeiten. Für Männer, wie für Frauen wurde das Renteneintrittsalter angehoben, nicht zuletzt um mehr Frauen in Arbeit zu bringen, die auch ihren Beitrag zur Konsolidierung der Rentensysteme leisten sollten.
Die Rentensysteme werden immer schwieriger stabil zu halten, da jetzt geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Der OECD zufolge können Menschen in den Industrieländern durchschnittlich eine Lebenserwartung von 20,4 Jahren im Ruhestand erwarten. Die staatliche japanische Rentenversicherung, die größte in der Welt, hat ein Anlagevermögen von 1,5 Billionen $ und muss sich dennoch intensiv bemühen, die Ertragssituation zu verbessern, weil ihre Ausgaben immer weiter steigen, nicht anders, als private Rentenfonds.
Die ausufernden Kosten als Folge einer langandauernden Wirtschaftsschwäche und der wachsenden Pensionsverpflichtungen haben in Japan zu einer Explosion der Staatsverschuldung geführt, die, im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt, doppelt so hoch ist, wie die Griechenlands. Allerdings hat Japan eine der höchsten Sparquoten weltweit, wodurch die Gefahr der Überschuldung gemildert wird, denn die große Masse der Einlagen ist in staatlichen Papieren angelegt. Anders als im Fall von Griechenland wird so der größte Anteil der Schulden im Land gehalten, auch von den Älteren, die ihre Ersparnisse jedoch nun einzusetzen beginnen, um ihren Lebensstandard zu halten. Der Verzehr der Ersparnisse wird nun zum Risiko für die Volkswirtschaften.
Euthanasie im Vormarsch

Im sozialen Bereich machen mehr und mehr alte Menschen in „entwickelten“ Ländern die Erfahrung, unerwünscht zu sein. Euthanasie ist das Äquivalent zur Abtreibung am anderen Ende der Zeitskala. Beide „Prozesse“ sorgen für eine Beendigung des Lebens. Der Unterschied ist, dass ein Opfer seine Geburt nicht „erlebt“ ein Anderes seinen natürlichen Tod nicht „erlebt“.
Selbst im katholischen Italien besteht Interesse an einer Legalisierung der Euthanasie (das Land ist Nr. 2 beim Anteil der über 60-jährigen). Ein bekannter Onkologe, Umberto Veronesi, schrieb 2006 ein Taschenbuch mit dem Titel: Il Diritto di Morire („Das Recht zu sterben”). das schnell zum Bestseller wurde. Er argumentierte, dass ein Patient an der Schwelle des Todes mit seinem behandelnden Arzt, oder seiner Ärztin eine so starke Bindung eingehe, dass letztere den Patientenwillen erspüren können, sich nicht mehr unnützen Therapien zu unterziehen und in Würde zu sterben.
Nun bedeutet der Wunsch des Patienten, in Würde zu sterben, für den ehrenwerten Arzt nicht, dass gewartet werden solle, bis Gott den Patienten ruft. Dr. Veronesi lobt vielmehr Belgien und die Niederlande, zwei der europäischen Länder, die Euthanasie gestatten. In Italien hat Dr. Veronesi zwar einen guten Ruf als Krebsspezialist, doch können sich die Italiener mit der absichtlichen Tötung nicht anfreunden, da der Mehrheit von ihnen die Achtung vor dem Alter, ebenso wie die Lust am Leben, im Blut liegen. Deutschland und Japan tun sich auf Grund ihrer Rollen im zweiten Weltkrieg auch schwer, den Befürwortern der Euthanasie zuzustimmen.
Positiv ist jedoch anzumerken, dass die UN vor einigen Jahren den 1. Oktober als „Internationalen Tag der Alten“ benannt hat, und die EU 2012 als “Europäisches Jahr des aktiven Alterns” ausgerufen hat. Im September eines jeden Jahres feiert Japan den Tag des “Respekt vor dem Alter”. Dieser Feiertag ist ein Zeichen für Wertschätzung und Achtung vor den Alten, an denen gerade Japan so reich ist und deren Lebensleistung mit Recht gefeiert werden sollte.
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Vincenzina Santoro ist internationale Ökonomin. Sie vertritt die „American Family Association“
 in New York bei den Vereinten Nationen.

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