Zero Dark Thirty

Zero Dark Thirty
Nach dem Drehbuch von Mark Boal erzählt die amerikanische Regisseurin Kathryn Bigelow in „Zero Dark Thirty“ (im amerikanischen militärischen Jargon „00.30 Uhr“) von der weltweiten Fahndung nach Osama Bin Laden, die am 2. Mai 2011mit dem Militäreinsatz „Operation Neptune’s Spear“ endete, in dessen Verlauf Bin Laden getötet wurde. Der Film beginnt – wie könnte es anders sein? – mit dem 11. September 2001: Auf dunkler Leinwand hört der Zuschauer Gesprächsfetzen mit den im World Trade Center Verschütteten ... die irgendwann einmal verstummen. Die Bilder dazu braucht Regisseurin Bigelow gar nicht mitzuliefern, so sehr haben sie sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.
Filmische Qualität: 3,5 von 5 Punkten
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, Joel Edgerton, Jennifer Ehle, Mark Strong. Kyle Chandler, Edgar Ramirez
Land, Jahr: USA 2012
Laufzeit: 156 Minuten
Genre: Kriegsfilm
Publikum: Ältere Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: Gewalt

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de

Zu Beginn des Filmes weist eine Schrifttafel darauf hin, dass „Zero Dark Thirty“ auf Interviews mit an der Operation Beteiligten basiert. Der Filmverleih versichert darüber hinaus, dass die von Jessica Chastain dargestellte Hauptfigur Maya Lambert ebenfalls „auf einer realen Person basiert.“
Zwei Jahre nach dem 11. September kommt die junge CIA-Agentin Maya Lambert zu ihrem ersten Auftrag in ein inoffizielles Gefängnis („Black Site“) der USA irgendwo in der Wüste, wo Agent Dan (Jason Clarke) einen mutmaßlichen Terroristen namens „Ammar“ (Reda Kateb) „scharf“ verhört. Die nachfolgenden Szenen sorgen seit dem Filmstart in den Vereinigten Staaten im Dezember für Diskussionen, so detailliert werden die angeblichen CIA-Foltermethoden gezeigt: Der Gefangene wird an Ketten festgehalten, während laute Musik ihn am Schlafen hindert. Ein mit Wasser übergossenes Tuch, das ihm über den Kopf übergestülpt wird, bringt ihn an den Rand des Ertrinkens. Wie ein Hund an der Leine geführt, wird „Ammar“ in einen Kasten gesperrt, wo er sich nicht bewegen kann. Dazu das ebenso entwürdigende Herunterziehen der Hose vor der CIA-Agentin. Diese wendet sich zwar angewidert ab. Bald wird sie aber mit ähnlicher Verbissenheit wie ihre männlichen Kollegen den Spuren nachgehen, die sich bei diesen Verhören ergeben. Dass etwas später in einer Fernsehübertragung Präsident Barack Obama „Amerika foltert nicht“ versichert, fügt der Diskussion weiteren Sprengstoff bei. Gerade weil in diesen Szenen die Folterer als Täter, die Gefangenen aber eigentlich als harmlos gezeigt werden, erinnert „Zero Dark Thirty“ immer wieder an die Taten der terroristischen Vereinigung, der sie angehören, von der Explosion eines Busses in London 2005 über den Anschlag auf ein pakistanisches Hotel 2008 bis zum versuchten Attentat auf dem Times Square in New York 2010. Gerade weil die Anschläge nicht abreißen, stellt sich die dringende Frage, wo Bin Laden ist. Mayas Vorgesetzter George Alvarez (Mark Strong) fordert Festnahmen.
Kathryn Bigelows Film übernimmt die Perspektive seiner Hauptfigur. Lediglich eine kurze Szene zeigt ein Treffen verschiedener Talibanchefs im Norden Pakistans. Dass die Suche nach Osama Bin Laden oberste Priorität besitzt, wird nie in Frage gestellt – ebenso wenig wie die ethischen Verflechtungen dieser Methoden. Ähnlich ihrem früheren Film „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“, mit dem sie den Oscar gewann, folgt Regisseurin Bigelow in „Zero Dark Thirty“ einem halbdokumentarischen Ansatz. In einer Art Dokufiktion werden reale Ereignisse fiktional verarbeitet. Die Produktionsfirma nennt dieses Genre „Reportagefilm“, weil die Ereignisse wahrheitsgetreu nachgestellt würden. Deswegen blendet der Film immer wieder Ortsnamen (Danzig, Saudi Arabien, Afghanistan, Islamabad) sowie Datenangaben ein, was allerdings den Erzählfluss hindert. Dokumentarisch mutet insbesondere die letzte halbe Stunde des Films mit der am 1. Mai 2011 um 00.30 Uhr beginnenden „Operation Neptune’s Spear“ an. Die subjektiven Bilder durch die Nachtsichtgeräte der Soldaten färben sich schattenhaft grün. Spannung wird insbesondere dadurch erzeugt, dass die am Monitor die Operation verfolgende CIA- Agentin Maya immer wieder parallelgeschnitten wird. Die eigentliche militärische Aktion in Bin Ladens Anwesen in der Nähe von Abbottabad verläuft unspektakulär. Bei der zentralen Handlung bleibt die Kamera von Greig Fraser auf Distanz: Statt den toten Obama Bin Laden zeigt sie einen fotografierenden Soldaten sowie die verbliebene Blutlache, nachdem der Leichnam des al-Qaida-Führers weggebracht wird.
Die durch die minimalistische Filmmusik von Alexander Desplat unterstützte nüchterne Inszenierung der Operation lässt kein Pathos aufkommen. Dennoch wird auch hier wie in einer Autoverfolgungsjagd mitten im chaotischen Verkehr einer pakistanischen Stadt deutlich, wie hervorragend Kathryn Bigelow Action inszenieren kann. Die größte Leistung des Films erbringt jedoch Hauptdarstellerin Jessica Chastain, die zu Recht für diese Rolle für den Oscar nominiert wurde. Denn „Zero Dark Thirty“ ist auch das Psychogramm einer Frau, die langsam in ein System hineinwächst, bis ihr ganzes Leben aus einer einzigen Obsession besteht. Viel von ihr erfährt der Zuschauer nicht – eigentlich nur, dass sie keine Freunde, sondern nur einen Job hat, dem sie sich mit Haut und Haar verschrieben hat. Mit gutem Grund gehört ihr die letzte Einstellung des Films. Die darin zum Ausdruck kommende Ambivalenz kennzeichnet auch den ganzen Film „Zero Dark Thirty“ sowie die darin nachgestellte CIA-Operation.

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