Reinstolpern, oder bewusst entscheiden: Risiken der „wilden“ Ehe.

 Risiken der „wilden“ Ehe.
Wunder gibt es immer wieder! Die New York Times brachte kürzlich einen Beitrag über die Risiken des Zusammenlebens vor der Ehe - die Kohabitation. Wir waren überrascht, dachten wir doch, eine Verbindung auf Zeit brächte keine Nachteile mit sich, doch stellt sich diese auf einmal als Rutschbahn dar.
von Mariette Ulrich ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Die weit verbreitete Auffassung, dass das Zusammenleben vor der Ehe eine gutes Mittel sei, Scheidungen zu vermeiden, lasse sich nicht mit Fakten belegen, warnt die Psychologin Meg Jay: Paare, die vor der Ehe zusammenleben (insbesondere solche ohne Eheabsicht, z. B. als Verlobte), sind meist weniger zufrieden mit ihren Ehen – und neigen schneller dazu, sich wieder zu trennen – als die, die es nicht tun. Man nennt dies den „Kohabitations-Effekt.
Kommt uns das nicht bekannt vor? Dr. Jay berichtet über eine Patientin, die mit ihrem Freund vier Jahre zusammenlebte, bevor sie heirateten. Nach weniger als einem Jahr begab sie sich, total frustriert und verstört, weil die Ehe nicht funktionierte, auf die Suche nach einem Scheidungsanwalt.
Sie wollte damals wohl deshalb heiraten, da nach einigen Jahren Zusammenleben und gemeinsam erworbenem Eigentum, Hunden und Freunden, ein Auseinandergehen immer schwieriger wurde. Außerdem waren beide schon über 30.
Die Geschichte verdeutlicht, wie es dazu kommt, ziellos und ohne Vereinbarungen in eine Beziehung zu stolpern, die zum Zusammenleben führt: man lernt sich kennen, übernachtet mal bei ihm, mal bei ihr, und zieht schließlich zusammen, weil es billiger und bequemer ist, nicht jedoch, weil beide klare Ziele für die Zukunft haben. Doch entsteht auch hier eine Bindung mit hohen Kosten und so wird es immer schwieriger, sich aus einer solchen Beziehung wieder zu lösen.
Paare vermeiden meist, darüber zu sprechen, warum sie miteinander leben und was das für sie bedeutet. Wenn Forscher Paaren diese Fragen stellen, haben die Partner oft unterschiedliche, unerwähnte, ja sogar unbewusste Vorstellungen. Frauen sehen das Zusammenleben gern als Schritt hin zur Ehe, während Männer eher die Möglichkeit sehen, eine Beziehung zu testen und eine Entscheidung zu verschieben. Diese Geschlechts-Unsymmetrie geht einher mit negativen Einflüssen auf die Beziehung und einer schwachen Bindung, selbst wenn aus der Beziehung eine Ehe wird. In einem Punkt stimmen Männer und Frauen jedoch überein, nämlich dass ihre Stellung als Partner geringer ist, als die von Ehegatten.
Dieser Satz verdient Beachtung; ebenso die folgenden:
Ich hatte andere Patienten, die sich gewünscht hätten, nicht in ihren Zwanzigern ein Verhältnis eingegangen zu sein, das nur wenige Monate überdauert hätte, hätten sie sich nicht entschlossen, zusammen zu leben. Andere möchten gern die Bindung an ihren Partner erleben, doch sind sie sich selbst nicht sicher, ob sie ihn wirklich bewusst gewählt haben.
Besteht das Fundament einer Beziehung nur aus Bequemlichkeit oder Uneindeutigkeit, wird es schwierig, von einer Liebesbeziehung zu sprechen. Ein Zusammenleben in der Erwartung „vielleicht wird er/sie ja wollen...“ist sicher etwas anderes, als ein Leben im Konsens des „wir wollen“, also eines Eheversprechens.

Gut gesagt! Leider geht Frau Dr. Jay nicht den Schritt weiter, zu sagen: „Dann tut es nicht!“ Stattdessen führt sie aus, weder gegen, noch für Kohabitation sprechen zu wollen, von der sie überzeugt ist, dass sie der Gesellschaft als Lebensform erhalten bleibt. Sie gibt einen Rat, der an das „Safe Sex“-Mantra der AIDS-Ära erinnert. Sie empfiehlt jungen Menschen, sich in ihren Kohabitations-Beziehungen vor dem „Kohabitations-Effekt“ zu „schützen“.
Dabei sei wichtig, das Motiv jedes Partners und seine Absichten vorweg zu diskutieren und, auf jeden Fall Kohabitation als bewussten Schritt in die Zukunft zu sehen, nicht jedoch, als billigen Test für Eheleben und Partnerschaft. Es sei auch sinnvoll, Einschränkungen, die einen der Partner zurückhalten könnten, die Verbindung zu beenden, vorauszusehen und regelmäßig zu beurteilen.
Schade eigentlich, dass sie nicht einfach eine Lanze für die Ehe brechen konnte. Aber damit hätte sie wohl nicht in der „TIMES“ publizieren können.
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Link zum TIMES-Artikel: The Downside of Cohabiting Before Marriage
Mariette Ulrich lebt im Westen Kanadas. Sie blogt bei Family Edge.
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