Simplicity parenting: emotional gesunde Kinder erziehen (Teil 2)

von Eloise Cataudella - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
---

Im ersten Teil dieses Beitrags haben wir betrachtet, wie sehr (Spiel)-Zeug, Geschäftigkeit und Information zum Problem für Kinder werden kann. Dauernde Anreize bedeuten Stress und bewirken eine stetig wachsende Überforderung der persönlichen Eigenschaften des Kindes. Im zweiten Teil beschäftigen wir uns mit Kim John Payne’s Methoden zur Vereinfachung der Lebensführung. Payne ist Familien-Berater, Erzieher und Autor des Bestsellers Simplicity Parenting (Einfachheit in der Erziehung). Seine Empfehlungen sind von beeindruckendem Gewicht.

Payne führte eine Studie zur Vereinfachung mit Kindern, die an Aufmerksamkeitsstörungen litten, durch. 68% von ihnen konnten nach vier Monaten von „klinisch dysfunktional“ auf „klinisch funktional“ eingestuft werden. [i] Erstaunlicher ist jedoch, dass diese Gruppe auch eine Steigerung der Lern- und kognitiven- Fähigkeiten von 37% aufwies, ein Anstieg, der unter Medikamenten, wie RITALIN nie verzeichnet wurde. [ii]

Simplicity parenting hilft, dass gestörte Kinder wieder „reachable and teachable,“, also zugänglich und lernfähig werden, doch, wichtiger noch, bereitet die Methode dem Kind einen festen Boden, auf dem es stehen kann. Es wird emotional stabil und fähig, seine Ziele zu verfolgen.

Payne führt vier Bereiche auf, die Eltern bereinigen sollten und empfiehlt ihnen, auf Zeichen von Überforderung zu achten.

Bemerken, wenn etwas schief läuft

Wenn Kinder körperlich krank sind, gibt es klare Symptome; sie husten vielleicht, oder haben Fieber. Wenn sie jedoch überlastet sind, oder emotional leiden, ist es manchmal schwieriger für die Eltern, das festzustellen. Kim John Payne nennt den Zustand „Seelenfieber“, wenn etwas falsch gelaufen ist und das Kind mit der ganzen Welt hadert. Kleinkinder können dann zu heftigeren Trotz- und Wutanfällen neigen, oder mit Änderungen des Schlafverhaltens reagieren. Selbst Kleinigkeiten regen dann auf, ein kratzendes Wäscheschild im Hemd, oder eine einfache Anweisung. Ältere Kinder haben vielleicht Schwierigkeiten, sich an Dinge zu geben, für die sie sonst Feuer und Flamme sind. Extrovertierte Kinder werden maulend und schimpfend ihre Unzufriedenheit kundtun, Introvertierte dagegen ziehen sich zurück. Anders, als die normalen emotionalen Hoch- und Tief-Phasen, hinterlässt das „Seelenfieber“ Spuren. [iii]

Payne empfiehlt den Eltern vor allem, ihren Instinkt zu gebrauchen, wenn etwas im Argen liegt, denn jedes Kind ist anders. Wenn Eltern zu beschäftigt und voreingenommen sind, können sie den Kummer ihres Kindes leicht übersehen. Die Symptome werden sich jedoch immer wieder zeigen, bis das Problem besprochen werden kann. [iv]

Die Therapie des Seelenfiebers ist ähnlich der, eines normalen Fiebers. Das Kind braucht eine Auszeit bei den nachschulischen Aktivitäten und vielleicht auch einen schulfreien Tag zu Hause. [v] Ruhepausen wirken Wunder. Dazu eine Beschäftigung, die friedliche Stimmung begünstigt. Nähe eines Elternteils oder dessen Verfügbarkeit ist hilfreich, wenn das Kind danach verlangt. [vi] Payne sagt, dass ein ruhiges Wochenende sehr dazu beitragen kann, einen emotionalen Knoten zu lösen. Wenn das Kind dann wieder auf der Höhe ist, sollten sich die Eltern Gedanken machen, ob der Tagesplan des Kindes künftig vielleicht ein wenig erleichtert werden sollte.

Das Umfeld des Kindes vereinfachen

Niemals vorher hatten wir so viele Sachen. Manche Eltern haben zwar das Gefühl, dass die schiere Menge irgendwie bedrückend ist, doch die meisten von ihnen machen sich nicht klar, dass daraus potenziell Schaden für ihr Kind erwächst.

Nach Payne ist „der Überfluss an Produkten und Spielzeug nicht allein Symptom eines Exzesses, er kann ebenso Ursache für Zerrissenheit und Überlastung werden.“ [vii]

Je mehr Spielsachen ein Kind hat, umso weniger kann es sich einem einzelnen widmen. „Anstatt die Aufmerksamkeit des Kindes zu vertiefen, halten wir sie flach und ungeübt durch unser geradezu triebhaftes Bedürfnis, immer mehr und mehr und mehr zu schenken.“ [viii]

Zu viele Dinge rauben dem Kind nach und nach auch die Gabe der Langeweile, die die Kreativität fördert. Die Spielzeughersteller suggerieren Eltern immer, dass bestimmtes Spielzeug die Kreativität von Kindern fördere. Payne versichert uns, dass diese von ganz alleine kommt, wenn Kindern genügend Zeit und Freiheit gegeben wird, ihre Welt zu erkunden.

Er ermutigt Eltern, „von der Tretmühle des Konsumerismus abzuspringen“ - ein Schritt in die Freiheit für Eltern und Kind. Payne traut sich sogar, den Eltern nahezulegen, die große Masse der Spielsachen zu reduzieren und bei den kaputten und hässlich gewordenen zu beginnen. Stark stimulierende Spiele sollten ebenfalls begrenzt werden, da die physiologischen Effekte von Stress-Hormonen gleich bleiben, egal, ob sie von wirklicher Gefahr, oder Unterhaltung ausgelöst werden. [ix] Auch Bücher und Lernspielzeug sollten nur in Grenzen bereitstehen.

Kinder sollten nur wenige Bücher auf dem Bücherbord und eine überschaubare Zahl an Spielsachen in ihrer Spielzeugkiste haben. Der Rest sollte anderswo aufbewahrt werden. [x] Es ist besser, Kindern keinen unbeschränkten Zugriff auf Spielsachen zu geben und sie nicht immer alles Spielzeug sehen lassen.

Payne erklärt, dass Kinder die Sachen nicht vermissen, wenn sie aus ihrem Gesichtskreis entfernt wurden, er empfiehlt jedoch diskrete Bereinigung, wenn das Kind nicht zuschaut. Auf keinen Fall sollten aber heißgeliebte Favoriten angetastet werden.

Eltern sollten auch vorsichtig sein, welche Weltsicht sie ihren Kindern vermitteln. Eine jüngst erschienene Studie zeigt, dass Kinder, die von ihren Eltern für alles Mögliche materiell belohnt werden, dazu neigen, sich selbst bis ins Erwachsenen-Dasein zu belohnen. Mit anderen Worten: sie werden materialistisch, was sie wiederum einem höheren Risiko für Eheprobleme, Schuld und geringerem Wohlbefinden aussetzt.

Den Lebensrhythmus vereinfachen

Das tägliche Leben ist ein „Lied“, doch hört es sich für manche Kinder chaotisch an. Es gibt viele Höhepunkte, wie Unterricht, Vorträge, Sportveranstaltungen und Geburtstagspartys, doch müssen diese auch ein Gegengewicht haben, um die Balance herzustellen. Phasen geringerer Aktivität müssen immer wieder eingeschaltet werden, sodass das Kind sich darauf verlassen kann. „Je geschäftiger Dein Leben verläuft, umso mehr brauchen Deine Kinder ein Gefühl für ausgeglichenen Rhythmus, von dem sie profitieren.“ [xii]

Vereinfachung des Lebensrhythmus bedeutet meist, Auszeiten zu schaffen, mit denen ein Kind rechnen kann. Diese können in einem Ritual bestehen, z.B. nach der Schule gemeinsam den Hund ausführen, oder gemeinsame Unternehmungen am Samstag, bei denen sich ein Kind regelrecht „fallen lassen“ kann.

Einzelheiten sind nicht so wichtig. Der Punkt ist, Möglichkeiten zum Spannungsabbau zu schaffen und dass das Kind weiß, dass eine solche Gelegenheit bald wieder kommt.

Solch kleinen, regelmäßigen Events sind auch eine großartige Möglichkeit, die Eltern-Kind Beziehung zu vertiefen. Eltern mit wechselnden Arbeitszeiten, oder in besonderen Situationen empfiehlt Payne ein „Preview“ des kommenden Tages. Vor dem Schlafengehen, sollten Eltern in aller Ruhe das Kind durch die Ereignisse führen, die es am nächsten Tag erwartet; wer es von der Schule abholt und was sonst noch ansteht. Es ist gut, die Kinder vorzubereiten, um ihnen Unsicherheiten zu ersparen. [xiii]

Tagespläne vereinfachen

Anfang der 1980er Jahre, schrieb David Elkind in seinem nun Klassiker The Hurried Child (Das gehetzte Kind), dass Kinder durch ihre Kindheit förmlich gehetzt werden. Seitdem hat sich die Zeit, die Kinder für Hausaufgaben aufwenden, ebenso verdoppelt, wie die Zeit für strukturierte Aktivitäten. Freie Zeiten wurden um mehr als die Hälfte reduziert und Kinder bekommen weniger Schlaf. [xiv] So sind viele Kinder einfach ausgelaugt.

Ein Kind, das von einer geplanten Aktivität zur anderen durch sein Leben stolpert, die Zwischenzeiten mit Entertainment überbrückend, lernt, sich auf äußere Anregungen zu verlassen, was auf Kosten der inneren Gedankenwelt geht. Freie Zeiten werden mit Knöpfen im Ohr und online ausgefüllt. So bleibt kaum Zeit zu Reflexion und zu schöpferischen Überlegungen und damit wenig Gelegenheiten für das Kind, Selbstkontrolle einzuüben.

„Ein Kind, das niemals Muße, besser noch, Langeweile erfährt, wird immer nach externer Stimulation Ausschau halten, nach Aktivität, oder Unterhaltung“, sagt Payne. [xv]

Er empfiehlt, organisierte Aktivitäten zu begrenzen und in den Tagesablauf des Kindes Freizeiten einzubauen. Eine kürzlich durchgeführte Studie über Sport im Kindesalter belegt, dass unstrukturiertes Spielen für die kindliche Entwicklung notwendig ist. [xvi] Familien mit Kindern unter 9 Jahren können Tagespläne -einschließlich der elterlichen- wunderbar vereinfachen, wenn dem gemeinsamen Spiel Priorität über den organisierten Sport eingeräumt wird. Ältere Kinder sollten, mit Hilfe ihrer Eltern, die Zahl der Aktivitäten, bei denen sie engagiert sind, reduzieren. Die begrenzte Zahl organisierter Aktivitäten fördert eine positive Erwartungshaltung bei Kindern, was ihnen gut tut.

Payne warnt, dass ein Kind mit übermäßig vielen Verpflichtungen, auch wenn es sie liebt und in ihnen aufgeht, dennoch die nachteiligen Effekte des „zu viel, zu früh“ erfahren kann. [xvii] Dazu zählen früher Burnout, Abhängigkeit von äußerlichen Stimulantien und Schwierigkeit, am eigenen Weg und der eigenen Identität zu arbeiten.

Information vereinfachen

Kinder sind nicht in der Lage, den Kosmos der Information von Erwachsenen zu bewältigen, deshalb müssen Eltern entsprechend filtern. Payne warnt davor, Kinder in Sorgen und Themen der Gespräche Erwachsener einzubinden. Kinder sollten keine Mitwisser von Ängsten und Plänen ihrer Eltern sein. „Zu viel Information ist nicht hilfreich, ein Kind auf die Komplexität der Welt vorzubereiten; es paralysiert das Kind“, schreibt Payne.[xviii]

Vielleicht der am schwersten umzusetzende Ratschlag, den Payne Eltern gibt, ist der, die Zeit vor dem Bildschirm drastisch zu reduzieren. Er gibt zu, dass dies sehr schwierig sein kann, doch ist seine Meinung unerschütterlich, dass die Umsetzung der beste Weg ist, die kindliche Entwicklung zu schützen. Digitale Geräte können leicht jede Anstrengung der Eltern, dem Kind durch Vereinfachung etwas mehr Muße zu verschaffen, konterkarieren.

Viele Studien haben belegt, dass Fernsehkonsum, selbst der von „Bildungsfernsehen“, die Sprachentwicklung verzögert, anstatt sie zu fördern. [xix] In seinem faszinierenden TED Talk, sagt Dr. Dimitri Christakis, dass die schnellen Bildfolgen, die auf dem Display ablaufen, in kritischen Phasen der Entwicklung des Hirns, dieses konditionieren, hohe Level von Stimulation zu erwarten, was im späteren Leben zu Unaufmerksamkeit führt. Seine Forschung belegt, dass je mehr Fernsehen ein Kind vor dem dritten Lebensjahr konsumiert, die Ausprägung von Aufmerksamkeitsdefiziten im Schulalter umso wahrscheinlicher wird. [xx] Die American Academy of Pediatrics (Akademie der Kinderärzte) empfiehlt, Kinder unter 2 Jahren kein Fernsehen zu gestatten und älteren Kindern strikte Beschränkungen aufzuerlegen. [xxi]

Bildschirm-Zeit führt zu Passivität und kann zum Hindernis sozialer Entwicklung werden. Payne: „Die wichtigste Voraussetzung für Erfolg und Glück im Leben liegt in unserer Fähigkeit, mit anderen Menschen auszukommen. Bildschirme sind dabei keine Hilfe.“[xxii]

Familien könnten sich gelegentlich Auszeiten vom Bildschirm - für ein Wochenende, für Ferientage, etc.- vornehmen. Die hilft, neue Entspannungsgewohnheiten zu entwickeln und sich bewusst zu machen, wieviel Zeit man vor seinem Fernseh- PC- oder Smartphone-Bildschirm eigentlich verbringt.[xxiii] Eltern sollten sich auch bewusst machen, wie ihr Umgang mit den Geräten aussieht und ob sie sich nicht vielleicht ein wenig davon lösen sollten, um ihren Kindern mehr Zeit widmen zu können. Kids wissen, ob sie die Aufmerksamkeit ihrer Eltern haben, oder nicht.[xxiv]

Frühkindliches Lernen für Eltern

Kim John Payne, sagte in einem Interview mit IMFC, dass Eltern in unserer Zeit viel mehr bewusste Aufmerksamkeit aufbringen müssen, die Kindheit ihrer Kids zu schützen. [xxv] Eltern werden vom Strom des „zuviel“ mitgerissen und erhalten wenig Unterstützung und Anleitung. Und so ist sein Wunsch für „Frühkindliches Lernen“ der, dass es sich zunächst an die Eltern richten sollte, nicht an die Kinder

„Unterstützung, Hilfen und Ratschläge, die die erweiterte Familie bieten konnte, sind für die meisten Menschen heute nicht mehr verfügbar. Ich wünsche mir, dass Eltern Bereicherung, Bildung und Unterstützung erfahren, damit sie mit Überzeugung ihre Entscheidung für oder gegen frühkindliche Betreuungszentren treffen können und so eine echte Wahlmöglichkeit für sie besteht“. [xxvi]

Eltern sind durch ihre guten Absichten motiviert; sie wollen für ihre Kinder das Beste. Payne ist überzeugt, dass Instinkt und Wunsch, Kinder auf ihrem Weg zu schützen, die Eltern letztendlich auf den Pfad der Vereinfachung führen wird und dass ihre Kinder davon unendlich profitieren werden.

---
Eloise Cataudella ist Communications-Manager am Institute of Marriage and Family Canada, a MercatorNet partner site. Der Beitrag kann als pdf-Datei von der IMFC website heruntergeladen werden.

---
Anmerkungen:

[i] Payne, K.J. (2009) Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 28.
[ii] Ibid, p 30.
[iii] Ibid, p 42.
[iv] Ibid, p 42.
[v] Ibid, 44.
[vi] Ibid, p 46.
[vii] Ibid, p 56.
[viii] Ibid, p 62.
[ix] Ibid, p 70.
[x] Ibid, p 60.
[xi] University of Missouri-Columbia (2014, Dec. 16). Certain parenting tactics could lead to materialistic attitudes in adulthood
[xii] Payne, K.J. (2009) Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 99.
[xiii] Ibid, p 102.
[xiv] Ibid, p 137.
[xv] Ibid, p 151.
[xvi] Bowers, M.T., Green, B.C., Hemme, F, and Chalip, L. (2014) Assessing the relationship between youth sport participation settings and creativity in adulthood. Creativity Research Journal, Vol. 26, Iss. 3.
[xvii] Payne, K.J. (2009) Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 160.
[xviii] Ibid, p 190.
[xix] Ibid, p 170.
[xx] Christakis, D. (2011). Media and children. TEDxRainer [Video file].
[xxi] Payne, K.J. (2009) Simplicity Parenting. New York: Ballantine Books, p 170.
[xxii] Ibid, p 83.
[xxiii] Ibid, p 175.
[xxiv] Ibid, p 147.
[xxv] Interview of Dr. Kim John Payne by Andrea Mrozek, March 14th, 2013.
[xxvi] Ibid.