Wie funktioniert guter Unterricht? - Andreas Gruschka: Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht

Wie funktioniert guter Unterricht? - Andreas Gruschka: Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht
Dem kleinformatigen, allerdings vergleichsweise dickleibigen Bändchen wie auch dem Titel sieht man es nicht an, dass es pädagogischen Zündstoff enthält. Es geht nämlich dem Verfasser, Pädagogikprofessor an der Frankfurter Universität (Jahrg. 1950), um nichts weniger als darum, die aktuelle Schul- und Unterrichtsreform kritisch zu durchleuchten und dieser ein Modell von „gutem Unterricht“ entgegen zu setzen.
Rezension von Dr. Monika Born
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Andreas Gruschka: Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht, Reclams Universal-Bibliothek (Nr. 18840), Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-018840-8, 190 S., 5,00 Euro.

Im 1. Teil wird das unausgesetzte „Reformgewitter“ charakterisiert, das seit PISA über die Schulen hereingebrochen ist, und unter dem pädagogischen Anspruch an Schule und Unterricht analysiert und bewertet.
Der 2. Teil bringt Einzeluntersuchungen über Probleme im Zusammenhang mit der Reform von Bildung, Didaktik und Erziehung.
Im 3. Teil stellt Gruschka seinen Neuansatz vor: durch „Verstehen lehren“ die pädagogische Aufgabe und Verantwortung wieder zu gewinnen.
Kritik am derzeitigen Unterricht

Die gegenwärtige Reform – angestoßen durch den PISA-Schock vor gut 10 Jahren – richtet sich auf die Verbesserung der schulischen Ergebnisse unter dem Stichwort „Effizienz“ als gemeinsamem Nenner aller Einzelmaßnahmen und Programme – im Sinne von „Output- statt Input-Steuerung“. Dabei gehe es – so Gruschka – nicht mehr um Ziele und Inhalte schulischer Erziehung und Bildung, sondern um Kompetenzentwicklung.
Der springende Punkt der Kritik: Das meiste, was zur Optimierung des Systems durchgesetzt werden soll, stamme nicht aus dem „genuinen Ideenhaushalt der Pädagogik“, sondern sei ein „Import“ aus der angewandten Betriebswirtschaftslehre und den Forschungskonstrukten einer „pädagogischen“ Psychologie. Damit aber würden fremde Universalkonzepte und –rezepte auf die spezifischen Voraussetzungen der Schule übertragen – ohne Rücksicht auf die Eigenstruktur des Pädagogischen von Schule und Unterricht. Damit sei ein Misslingen programmiert.
Gruschka verweist darauf, dass die Sprache der Reform weitgehend die des Business ist (Qualitätsentwicklung und –kontrolle, Organisations-, Produkt- und Personalentwicklung, Schulmarketing, Wettbewerb, Exzellenz …). Ziele würden wie Zauberformeln vom pädagogischen Indikativ geprägt. Das neue Lehren und Lernen verlange nach neuen Beschreibungsformeln wie „Selbstwirksamkeit“ und „Adaptive Lernumwelten“. Letztere sollen es ermöglichen, Kompetenzen zu entwickeln, die auf beliebige Inhalte bezogen werden können.
Neuer Ansatz: Verstehen lehren

Nach dieser grundlegenden Kritik skizziert Gruschka seinen eigenen Ansatz: Es geht ihm um eine Reform der Schule und des Unterrichts, die der Eigenstruktur des Pädagogischen erfolgreich zu neuer Geltung verhelfen soll. Es soll in der Schule um die Erziehung der Kinder zu Schülern gehen. Diese Erziehung lebe von der Fähigkeit der Lehrenden, Weltwissen und Können (allgemeine Bildung) mit geeigneten didaktischen Mitteln im Unterricht zu repräsentieren, die Schüler zu Fragen des Verstehens, zu Fragen nach Sinn, Bedeutung und Funktion der Inhalte anzuleiten. Das sei weit mehr als Instruktion. Vielmehr werde eine Bildungsbewegung angestoßen. Erziehen heiße „Verstehen lehren“.
Wenn die gegenwärtige Reform die pädagogische Dimension von Erziehung, Didaktik (Lehren) und Bildung nicht berücksichtige, werde sie dem pädagogischen Anspruch der Schule nicht gerecht. Dann werde Erziehung zu „nachholender Disziplinierung“; Didaktik löse sich auf in „Lernselbstmanagement“; Schüler würden gedrillt, statt Sachkompetenz nun Methodenkompetenz zu entwickeln.
Demgegenüber bestehe doch der pädagogische Sinn didaktischen Handelns in der Erschließung der Inhalte des Weltwissens und Könnens durch die Schüler und für die Schüler durch die Lehrenden. Dabei gehe es um die Herausbildung eines sachlich möglichst weit und tief durch Einsichten entfalteten Ich-Welt-Verhältnisses. Unterricht also sei vor allem die produktiv entdeckende Darstellung und Kommunikation über Sachverhalte, wobei auch das hierfür notwendige Handwerkszeug vermittelt werde.
Dagegen steht nach Gruschka die „Entwissenschaftlichung“ der Didaktik, abzulesen an didaktischer Ratgeberliteratur und Lehrbüchern: „Überall … werden komplexe Argumentationen oder zum Nachdenken auffordernde Darstellungen vermieden. … Der Unterricht soll schülerorientiert, methodenorientiert und interaktiv sein.“ (67) Der Schüler als Konstruktivist seines Wissens – der Lehrer als Arrangeur und Moderator! Beispiel: Es würden Methoden der Textverarbeitung und Textbearbeitung gelehrt, aber nicht mehr das Verstehen der Texte selbst.
Mit eindrucksvollen Beispielen macht Gruschka darauf aufmerksam, dass Methoden reflektiert eingesetzt werden müssen – im Hinblick auf die Sache und die lernenden Schüler. Das scheint im Rahmen von Kompetenzentwicklung kaum möglich zu sein, weil die Sache keine oder nur eine austauschbare Rolle spielt und sich Methoden im Training verselbstständigen.
Konkrete Unterrichtsbeispiele

Im letzten Teil führt Gruschka seinen bereits zu Anfang skizzierten Neuansatz detaillierter aus – und das überzeugend an konkreten Unterrichtsbeispielen. Genau dadurch wird der Unterschied zum aktuellen Reformmodell greifbar. Bei diesem Neuansatz ist Verstehen als Maßstab der Bildung Ziel des Unterrichts. Zugleich ist Verstehen Medium des schulischen Lernens und muss an den Inhalten ansetzen, die allgemein verpflichtend den Lehrplan bestimmen. Das didaktische Bemühen müsse sich darauf richten, alles zu vermeiden, was Verstehen behindern kann. Bei der lebendigen Auseinandersetzung der Klasse mit dem Inhalt gehe es im Grunde um ein Wechselspiel von Fragen und Antworten, dem der Lehrende stützend folgt. Unterrichtsmethoden haben dabei eine dem Verstehen dienende Funktion.
Erziehen speist sich nach Gruschka im intrinsischen Sinn aus dem gerichteten Interesse an der Sache, aus der durch die Phänomene angesteckten Neugier, dem humanen Bedürfnis nach sinnvollem Lernen, indem man versteht, worum es geht. Die Schüler sollten erfahren, dass sie sich anstrengen und durchhalten müssen: „Das Glück der Erkenntnis muss immer wieder mit viel Disziplin erarbeitet werden.“ (138) Erst dann sei Lernen aus Fehlern möglich, könne man seine eigene Arbeit methodisch kontrollieren. Erst wo dies bewusst gemacht und bewusst gehalten werde, sei Erziehung ein Mittel zum Zweck des Verstehens und werde nicht als moralisierend fehlgehender Selbstzweck angewendet. Mir scheint – vorsichtig gesagt – hier eine Idealvorstellung formuliert, die leider nur selten in schulische Wirklichkeit überführt werden kann.
Die Folgerungen, die Gruschka aus seinem Ansatz zieht:

- Fachliche Konzepte als Alternative zu Bildungsstandards (Kompetenz in Verbindung mit Kerncurricula)
- Entdidaktisierung der Inhalte (z. B. Verzicht auf Beschleunigung, Abkürzung, Rezepte)
- Erziehung durch Methoden statt Methodentraining (sachliche Aufgaben bestimmend).
Diese pädagogischen Forderungen werden konkret durch die Vielfalt von Beispielen zu einer Unterrichtswirklichkeit, die ein Gegenmodell zu den aktuellen Reformen darstellt.
Die Lektüre dieses Buches kann nicht nur Lehrern zu einem schärferen Blick auf die Trends in der gegenwärtigen Bildungs- und Schuldiskussion verhelfen sowie zu einer Sicht auf didaktische Alternativen, sondern auch interessierten Eltern Anregungen zum Engagement für eine sinnvolle Bildungspolitik geben.
(Gekürzte Fassung der Rezension in Katholische Bildung, H.5/2012, S. 227-232)

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