Große Familien in Deutschland - eine Außenansicht

von Carolyn Moynihan - ins Deutsch übertragen von Horst Niederehe
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(Bild: mit freundlicher Genehmigung des KRFD - zuerst veröffentlicht auf mercatornet.com)

Eines der Länder, in dem man kaum viele große Familien vermuten würde, ist Deutschland. Deutsche Frauen haben im Mittel nur je 1,4 Kinder; eine von fünf Frauen bleibt kinderlos. Zu diesen zählt die Bundeskanzlerin Angela Merkel, während im Gegensatz eine ihrer Ministerinnen, Ursula von der Leyen, sieben Kinder hat.

Es gibt wohl nicht viele Familien dieser Größe in Deutschland, doch bilden Familien mit drei oder mehr Kindern - ca. 1,4Mio - immerhin 12% aller Familien mit Kindern, wie die Infographik auf der Website des Verbandes kinderreicher Familien (KRFD) ausweist. In unserer Zeit qualifizieren sich Familien mit drei Kindern bereits als „Großfamilie“.

Angesichts des fortschreitenden Bevölkerungsrückgangs - trotz steigender Einwanderung, die die gebürtigen Deutschen ohnehin vielfältig beunruhigt - würde man annehmen, dass die Nation dankbar zur Kenntnis nimmt, dass es eine ganze Menge Paare gibt, die den Prozess verlangsamen, indem sie mehr als zwei Kinder in die Welt setzen. Doch ist das der Fall?

Nein. Jedenfalls nicht, wenn man den Umfang an Berichterstattung in den Medien und deren Art bewertet. Stereotypen und Klischees sind an der Tagesordnung, wie die jüngst erarbeitete Studie einer Gruppe Kölner Wissenschaftler herausfand. Nach gründlicher Analyse von 1100 Artikeln über Familie in deutschen Zeitungen von 2011 und 2012 überschrieben sie ihren Bericht: „Was Politiker zu allerletzt interessiert.“

Das Forschungs-Programm, das von der Professorin für Journalismus Marlis Prinzing (Macromedia Analysis der Hochschule für Medien und Kommunikation) geleitet wurde, war von KRFD beauftragt und wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert, das schon seit mehreren Jahren Unterstützung zur Verbesserung der demographischen Entwicklung anbietet.

Es sieht so aus, als würden die deutschen Medien die Botschaft nicht begreifen. Wenn sie überhaupt große Familien erwähnen, geht es nur um Schwierigkeiten, die einige haben mögen: Finanzielle Lasten, innerfamiliäre Konflikte und Wohnungsprobleme, als Beispiele. Aus der Klischeekiste kommen dann Bemerkungen hinzu, wie: „Familien mit mehreren Kindern sind anormal“, oder „nur Migrantenfamilien haben viele Kinder“.

In größeren Familien ist es meist die Mutter, die zu Hause bleibt, während der Vater zur Arbeit geht. In 41% der untersuchten Beiträge wurde dieses Familienmodell in negativem Licht dargestellt. Informationen über die Familie im Allgemeinen waren meist auf die Politik bezogen, Meldungen über große Familien wurden immer im Zusammenhang mit spezifischen und problematischen Fällen gebracht.

Generell wird über Familie und Kinderzahl in sehr reduzierter Form berichtet, wobei nur Meinungen auf Basis von Allgemeinplätzen und Stereotypen Raum gegeben wird, die wiederum oft durch Aussagen sogenannter „Experten“ untermauert werden. Insbesondere vermeiden Tageszeitungen, den wirklich Beteiligten eine Stimme zu geben.

Öfter noch wenden deutsche Journalisten aber einfach die Augen ab. In fast 60% der untersuchten Beiträge wurde die Existenz vieler Kinder weder positiv, noch negativ kommentiert. Sie werden einfach als bar öffentlicher Bedeutung behandelt, sofern sie keine Probleme haben oder machen.

Die Beiträge über große Familien waren im Übrigen in ihrer Mehrzahl von Frauen verfasst, obwohl der Geschlechterproporz in den Redaktionen ausgewogen ist. Wenn allerdings über Familienpolitik berichtet wird, sind beide Geschlechter als Autoren gleich stark vertreten.

Regionale Zeitschriften hingegen waren viel eher geneigt, über große Familien zu berichten.

Es ist evident, dass in deutschen Medien - wie auch anderswo in der entwickelten Welt - die Werte der weißen Mittelklasse dominieren und dass große Familien gedanklich mit der Klasse der Immigranten assoziiert werden, deren Werte fremd anmuten und deshalb nicht zu befürworten sind.

Doch sollten die Journalisten endlich einsehen, dass ihr Land größere Familien wirklich nötig hat und über Familien berichten, die Glaswände und populistische Stereotypen zerbrechen und zu ergründen, wie sie ticken. In einem Land, in dem eine siebenfache Mutter einen hohen Ministerposten besetzt - Ursula von der Leyen hatte als Ärztin sogar vorher schon einen Job - hätten die Journalisten einen honorigen Grund dafür.

Dieser Artikel basiert auf einem Bericht von Norberto González auf Family and Media