Von Scheinriesen und schiefen Türmen

Manches scheinbar unschlagbare Bildungskonzept sollte man besser nur aus der Ferne betrachten, wenn man sich vor Enttäuschungen schützen will. Auch in der an Mythen reichen Geschichte der Pisa-Studien gibt es Phänomene wie aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, oder auch aus neueren Kindermärchen (mit Aha-Effekt für Erwachsene).
Michael Endes unsterbliche Geschichten von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer haben zuweilen philosophischen Tiefgang. Mir hat in dieser Hinsicht immer das Auftreten des Scheinriesen Turtur besonders gefallen, der in selbstgewählter Einsamkeit in der Wüste lebte, um die Menschen nicht mit seiner seltsam-abnormen Eigenart zu erschrecken: Aus der Ferne betrachtet wirkte er wie ein gewaltiger Riese; nur wenn man sich ihm näherte, schrumpfte er schnell auf Normalmaß und erwies sich schließlich als eher mittelgroßer Zeitgenosse, nachgerade von kleiner Gestalt...
Kennen wir nicht alle solche Scheinriesen? Im privaten und beruflichen Umfeld treten sie gleichermaßen häufig auf, machen viel Wesens von sich und ihrer Großartigkeit, die sich dann aus der Nähe betrachtet als bestenfalls mittelmäßig erweist.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es auch institutionelle und konzeptionelle Scheinriesen gibt, sogar und ganz besonders in Erziehung und Bildung. Dabei denke ich gar nicht an den pädagogischen Scheinriesen schlechthin, gewissermaßen den Klassiker unter den Pseudo-Giganten, die integrierte Gesamtschule. Sie ist schon lange unter den Händen ihrer Verkünder und unter den Augen unzähliger trauriger Eltern zusammengeschrumpft wie ein poröser Luftballon. Es geht vielmehr um die verschiedensten internationaler Bessermacher, die dem staunenden deutschen Publikum gerne vorgehalten werden.
Da sehe ich mit Staunen in meinem neuen Lebensumfeld in Japans Hauptstadt Tokyo, dass auch dort die bildungspolitischen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Manches, was verzweifelten deutschen Bildungspolitikern paradiesisch und bewundernswert erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine Nummer kleiner. Wie ist es beispielsweise zu erklären, dass Generationen japanischer Eliteschüler trotz Sechs-Tage-Woche, Ganztagsschule, Wochenend-Paukkursen und Ferien-Trainingslagern am Ende nur äußerst mühsam Englisch sprechen, von anderen Fremdsprachen ganz zu schweigen? Das richtige Sprachenlernen beginnt für viele anscheinend erst an der Uni...
Oder wie steht es mit der Rundum-Kindererfassung in Frankreich, wo sich viele Mütter aus besseren Kreisen schon arg schämen müssen, wenn sie ihre Kinder mit 3 Jahren noch nicht in der École maternelle untergebracht haben. Und dann geht’s dort ebenso konsequent ab, mit Ganztagsschule, Wochenendkursen, Paukklassen, Ferienkolonien. Eine französische Kollegin hat mir einmal in einer schwachen Stunde gestanden, dass sie es eigentlich auch viel schöner gefunden hätte, wenn sie in ihrer Kindheit und Schulzeit ein wenig mehr mit Eltern und Geschwistern und womöglich sogar einmal mit den Kindern von nebenan zusammen gewesen wäre und Zeit zum Spielen gehabt hätte - so ähnlich wie das in Deutschland sei, wo doch - quand même - die Leute trotz Halbtagsschule auch nicht dumm geblieben seien...
Und schließlich das leuchtende Beispiel schlechthin, Finnland, Spitzenland der Superpädagogik - ja, auch mit Ganztagsschule etc. etc. Sollte es stimmen, was man gerüchteweise schon früh hörte, aber nie zu fragen wagte? Haben für den Klassenprimus Europas womöglich wirklich nur Spitzenschulen teilnehmen dürfen, die nicht unbedingt repräsentativ sind?
Unter all’ den Scheinriesen wirkt unser abgewirtschaftetes deutsches Schulwesen auf einmal gar nicht mehr so mickrig. Wie kommt es schließlich, dass in Deutschland nach Jahrzehnten bildungspolitischen Kahlschlags immer noch so viele Talente nachwachsen, Patente angemeldet, Grundlagenforschung realisiert wird. Und vor allem - wie konnte Deutschland vor dem Einsetzen der segensreichen Vergesamtschulung und Frühkinderfassung überhaupt zu einer führenden Industrienation werden, malgré tout? Liegt es womöglich daran, dass die Deutschen im Schnitt das intelligenteste Volk Europas sein sollen, wie ein britischer Forscher gerade allen Ernstes herausgefunden haben will? Wohl kaum! Denn wenn sie so intelligent wären, warum sollten sie dann nicht erkennen, wie viele Scheinriesen unter ihren Bildungspolitikern sind und dass manche Pisastudie so schief ist, wie der Turm in der gleichnamigen Stadt?
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