Reden ist Gold

Kaum etwas ist für die Ehe so wichtig wie das Gespräch mit dem Partner. Und kaum etwas so schwierig. Ein paar Leitlinien für das Gespräch.
Der Schlüssel zum Ehepartner führt über das Gespräch. Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten der Mitteilung, und manchmal mag ein Blick mehr sagen als Worte. Aber alle anderen Zeichen müssen gedeutet werden. Eine Umarmung kann ein Zeichen des Trostes sein, ein Zeichen der Nähe, der Liebe, oder einfach eine Begrüßung. Um zu erklären, worum es uns wirklich geht, müssen wir miteinander sprechen.
Feste Zeiten für das Gespräch
Im Alltag, zwischen Beruf, Kindern und Haushalt, kann das Gespräch schnell zu kurz kommen. Wir reden dann nur noch über die Milch, die noch zu kaufen ist, und den Termin beim Kieferorthopäden, den wir nicht vergessen dürfen. Aber wie es uns geht und was wir fühlen, kommt schnell zu kurz. Die Frau erfährt nie, daß ihr Mann sich über sein Lieblingsessen gefreut hat, und sagt ihm nicht, wie dankbar sie war, als er neulich die kranke Tochter nachts umgezogen hat. Auch Ärger und Unzufriedenheit stauen sich auf, brechen irgendwann mit Macht aus oder vergiften die Beziehung.
Deshalb ist es gut, feste Zeiten für das Gespräch auszumachen. Man kann sich jeden Abend eine halbe Stunde zusammensetzen oder am Nachmittag eine Tasse Tee oder Kaffee zusammen trinken. Bewährt hat sich bei vielen Paaren der „Eheabend“. Sie reservieren sich einen Abend die Woche füreinander, setzen sich zusammen, ab und zu gehen sie auch essen oder ins Kino. Der Vorteil ist, daß das Gespräch oft eine gewisse „Anlaufzeit“ braucht, um zu wesentlichen Themen zu kommen. Etwas zu Trinken und zum Knabbern kann zur Atmosphäre beitragen und vielleicht eine schöne Hintergrundmusik. Anregungen für Gesprächsthemen finden sich in vielen Zeitungen, Zeitschriften und natürlich auch in diesem Internetforum. Aber ein Gespräch muß nicht unbedingt ein „Thema“ haben. Es reicht völlig aus, darüber zu sprechen, was uns im Moment bewegt, wofür ich dem anderen dankbar bin, warum ich mich über etwas geärgert habe...
Fünf Ebenen der Kommunikation
Gary Chapman (Unsere Ehe – Spiegel seiner Liebe (Marburg 2004), S. 66-76) spricht von fünf Ebenen der Kommunikation, die idealerweise in einer Ehe zum Zug kommen sollten. Die erste Ebene, Gespräche im Vorübergehen, kommt am häufigsten vor: „Wie geht’s Dir?“ „Gut, und Dir?“. Diese Ebene geht nicht besonders tief, gehört aber zur Höflichkeit, und wir würden sie vermissen, wenn es sie nicht gäbe. Die zweite Ebene des Gespräch ist die Berichterstattung, bei der ein Ereignis oder Erlebnis rein von den Fakten her erzählt wird.
Schon persönlicher und tiefer geht die Ebene des Gedankenaustausches. Hier ist schon unsere Meinung und unser Urteil gefragt. „Wohin würdest Du gerne in Urlaub fahren?“ „ Ich habe an den Gardasee gedacht, was meinst Du?“. Auf dieser Ebene ist es wichtig, auch die Meinung des anderen zu erfahren – und seine Meinung zu respektieren, auch wenn wir ihr nicht zustimmen.
Noch eine Ebene weiter geht das Gespräch über Gefühle. Es spielt für die Partnerschaft eine große Rolle, wird aber gerne gemieden, weil wir uns vor Verletzungen fürchten. Gefühle offenbaren sehr viel über die eigene Persönlichkeit, und jeder empfindet anders. Deshalb ist es wichtig, im Gespräch bei sich selbst zu bleiben und gleichzeitig offen zu sein: „Ich habe mich geärgert, daß Du 300 Euro für die Jacke ausgegeben hast. Ich habe Angst, unser Konto zu überziehen, weil nächsten Monat unsere Versicherungsprämien fällig sind.“ Das klingt viel weniger nach einem Angriff als „Du verschwendest unser Geld!“
Die fünfte Ebene ist schließlich das Gespräch über Liebe und Zuneigung. Auch diese oberste Stufe ist für eine Ehe wichtig. Das heißt nicht, alle noch so flüchtigen Gedanken dem Partner zu offenbaren, sondern zumindest ab und zu über unsere Gefühle füreinander zu sprechen, über Liebe und Dankbarkeit, aber auch über Schmerz, Versöhnung und Verzeihung.
„Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen“ (Loriot)
Männer und Frauen sprechen unterschiedlich, wodurch viele Missverständnisse und Streitigkeiten entstehen. Zum Beispiel, wenn es um Probleme geht: viele Frauen lösen Schwierigkeiten, indem sie darüber sprechen. Wenn sie lange genug ausgebreitet haben, was sie bedrückt, geht es ihnen besser. Sie haben Spannung abgebaut und ihre Gedanken und Wünsche ordnen können. Nicht selten unterbricht der Mann sie dabei, indem er das Problem klein redet - „Ist doch gar nicht so schlimm“ - oder eine praktische Lösung anbietet. Lehnt die Frau die Lösung ab, wird er wütend und weigert sich, weiter zuzuhören: „Meine Frau will ja ihr Problem gar nicht lösen!“ Dabei ist die Problemlösung oder das Kleinmachen von Schwierigkeiten eine typische Männerstrategie, die bei vielen Männern funktionieren mag – bei den meisten Frauen aber nicht.
Männer sollten deshalb lernen, ihrer Frau einfach zuzuhören und sie zu ermuntern, weiter zu sprechen. Um das zu erleichtern, sollte die Frau erklären, wie sehr ihr das Zuhören hilft: „Jetzt geht es mir schon besser!“. Umgekehrt sollten Frauen lernen, ihre Wünsche offen zu äußern. Männer sind es häufig gewohnt, direkt zu sagen, was sie möchten, und bemühen sich nicht, ihrer Frau die Wünsche von den Augen abzulesen. „Ich möchte mal wieder mit Dir spazieren gehen. Wann hast Du Zeit?“ ist deshalb viel besser als „Nie unternehmen wir etwas miteinander!“
Stolpersteine
Im Gespräch, besonders im Umgang mit Konflikten, lauern viele Hindernisse, die verletzen und verärgern können. Zwei davon wurden schon angesprochen – das Wort „Du“ und Verallgemeinerungen wie „nie“ oder „immer“. Es ist daher gut, bei sich zu bleiben und beim konkreten Konfliktpunkt. Es kann auch angeraten sein, den ersten Ärger verrauchen zu lassen und in einem entspannten Moment zu sprechen. Auch im Streit ist es wichtig, einander zuzuhören und sich zu versichern, daß man den/ie andere/n richtig verstanden hat: „Was meinst Du damit? Warum ärgert Dich das?“
Viele Ursachen für heftige Gefühle liegen in der Kindheit. Wenn wir einem solchen Erlebnis auf die Spur kommen, ist der Streit oft schon entschärft. Wenn ich weiß, daß ich keinen Eintopf mag, weil ich ihn bei meinen Eltern essen musste, kann ich es zumindest erklären. Hilfreich ist es, nach Kompromissen oder ganz neuen Lösungen zu suchen, die beide zufrieden stellen. Und zu guter Letzt sollte man gelöste Konflikte auch miteinander feiern.
Beim Umgang mit Streit geht es nicht in erster Linie darum, mit „Tricks“ den anderen nicht zu verärgern, um sich besser durchsetzen zu können. Respekt voreinander bedeutet eben auch, die Meinung des anderen zu achten und ihn oder sie verstehen zu wollen. Dass das funktioniert, zeigen Studien zur Trennung (vor der Ehe) und zur Scheidungsrate bei Paaren, die an einem von den katholischen Diözesen in Deutschland angebotenen Kommunikationstraining (EPL: Ein Partnerschaftliches Lernprogramm und KEK: Konstruktive Ehe und Kommunikation - Link zu den Angeboten) teilgenommen haben: die Scheidungsrate sank deutlich.
Zu guter Letzt ist nicht nur die Gesprächshaltung wichtig, sondern auch, für Fehler um Verzeihung zu bitten und zu verzeihen. Wobei Verzeihen in erster Linie bedeutet, die angesprochenen Fehler dem/r anderen nicht mehr vorzuhalten. Wer sich liebt, wird sich gegenseitig immer auch verletzen. Heilen können solche Wunden nur in der Bitte um Verzeihung und im Verzeihen.
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Kommentare

"Feste Zeiten für das Gespräch auszumachen" wäre das Ende der Ehe, das kann ich euch versichern.

Wir leben in einer Familie und nicht in einer Kaserne oder in einem Kloster, wo es feste Zeiten geben kann oder darf.

Ihr seid zu kantianisch!

"Man kann sich ... am Nachmittag eine Tasse Tee oder Kaffee zusammen trinken". Am Nachmittag sind wir noch im Büro, oder?

Ich denke, ich komme lieber nicht mehr vorbei, denn ich denke 100% anders als Ihr.

Als in Deutschland erfolgreiche Ausländerin, gehe ich lieber meinen eigenen Weg. Und ich lasse Euch in Ruhe.

Viel Spaß weiter!