Die Lektionen des Zauberlehrlings

Was lehrt uns Harry Potter über das Leben und die Liebe?
Lektion 1: Die Liebe ist die wahre Macht
Die Liebe ist stärker als jede Macht und jede (magische) Technik: Harry ist dem Bösen, Lord Voldemort, überlegen durch die Liebe seiner Mutter und durch seine eigene Fähigkeit, zu lieben (Vgl. Band VI, 513, 515).
Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. Wenn es etwas gibt, was Voldemort nicht versteht, dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so mächtig ist wie die deiner Mutter zu dir, ihren Stempel hinterlässt. Keine Narbe, kein sichtbares Zeichen... so tief geliebt worden zu sein, selbst wenn der Mensch, der uns geliebt hat, nicht mehr da ist, wird uns immer ein wenig schützen. ( Band I, 324; vgl. auch Band V, 981, 990f)
Harry besitzt eine Macht, die der dunkle Lord nicht kennt und diese ist nichts anderes als die Liebe (Vgl. Band VI, 513).
Lektion 2: Liebe ist selbstlose Hingabe
Wer liebt, gibt sich hin, stellt das Wohl des anderen über sein eigenes und nimmt den anderen an, wie er ist, auch mit seinen „unerwünschten“ Eigenschaften. Eine solche vorbehaltlose Liebe zeigt gerade die oft belächelte Fleur: als ihr zukünftiger Ehemann im Kampf grausam und unheilbar entstellt wird, hat sie für den Gedanken, ihn deshalb zu verlassen, nur Verachtung übrig (Vgl. Band VI, 627).
In vollendetster Form wird diese Liebe von Harrys Eltern gelebt: der Vater starb, um seiner Frau und Harry (Vgl. Band III, 251), die Mutter, um ihrem Sohn das Leben zu retten.
Lektion 3: Liebe braucht Freiheit und Eigenständigkeit
Aber die Liebenden gehen nicht unterschiedslos ineinander auf und dürfen sich selbst nicht verlieren. Frei zum anderen ist man nämlich nur aus Freiheit von ihm. (J. Splett, Der Mensch ist Person. Zur christlichen Rechtfertigung des Menschseins, Frankfurt a. M. ²1986, 128)Nur frei können wir wahrhaft lieben. Sehr eindrücklich sieht man dies an den Freundschaften oder Ehen, die durch magische „Liebestränke“ eingefädelt werden: deren Wirkung, eine übersteigerte Verliebtheit (Liebe kann man nicht herstellen), hält nicht lange an (Vgl. Band VI, 188f; 394ff; besonders 216-218).
Für diese Wahrung der Eigenständigkeit spielt eine besondere Rolle der Respekt und die Achtung vor dem anderen und vor sich selbst. Hier ist es wichtig, Warten zu können und sich nicht vorschnell (geistig und leiblich) vom anderen vereinnahmen zu lassen (Vgl. Band VI, 152: hier das Negativbeispiel). Diese Erkenntnis macht Ginny, Harrys Freundin in Band VI: solange sie Hals über Kopf in ihn verliebt war und deshalb in seiner Nähe kaum ein Wort herausbrachte, hat er sie kaum beachtet, sie war für ihn nur die Schwester seines besten Freundes Ron. Als sie aber begann, sich auch für anderes – und andere – zu interessieren und „mehr sie selbst“ zu sein, begann er sich für sie zu interessieren und sich schließlich in sie zu verlieben. Tatsächlich hat Ginny ihn nie aufgeben können und immer auf ihn gewartet (Vgl. Band VI, 650).
Lektion 4: Freunde gehen durch dick und dünn
Ebenso wichtig für den eigenen Stand ist es, Freundschaften zu pflegen. Sie bewahren die Verliebten davor, nur noch einander zu sehen. Die Fähigkeit einer treuen Freundschaft ist auch diejenige, die einer guten Beziehung zwischen Mann und Frau in der Ehe erst ihre Dauer und Verlässlichkeit verleiht, wenn die erotische Anziehung nachlässt (Vgl. G. Chapman, Die vier Jahreszeiten der Liebe, Oldenbourg 2005, 52-63). Harry helfen seine Freundschaften nicht nur im Schulalltag, auch im Angesicht der Gefahr. Die Freundschaft zu Ron und Hermine, die viele Höhen und Tiefen hat, und Hermines Sensibilität befähigt Harry, in seiner ersten vorsichtigen Liebesbeziehung sowohl sich selbst als auch Cho, seine Freundin, besser zu verstehen (Vgl. Band V, 540 und 672) und die Missverständnisse und Trennung nicht allzu schwer zu nehmen. Die festen Bande zwischen den drei Freunden überdauern schließlich sogar die Feuerprobe, daß Harry sich in Rons Schwester verliebt und Ron in Hermine. Beide sind entschlossen, Harry im Kampf für das Gute zu helfen: "Wir werden dort sein, Harry", sagte Ron. "Wie bitte?" "Im Haus von deiner Tante und deinem Onkel", sagte Ron. "und dann werden wir mit dir gehen, wo auch immer du hingehst." "Nein-", sagte Harry rasch, damit hatte er nicht gerechnet, er hatte ihnen klar machen wollen, dass er diese äußerst gefährliche Reise allein unternehmen würde. "Du hast einmal zu uns gesagt", erklärte Hermine leise, "dass noch Zeit sei umzukehren, wenn wir wollten. Wir hatten Zeit, stimmt`s?" "Wir sind bei dir, was immer auch geschieht", sagte Ron. (Band VI, 655, vgl. zum Verliebtsein ebd., 289ff; 303ff; 341; 354f;412f; 426f; 453f; 519; 524; 539; 649ff).
Lektion 5: Die Familie ist durch nichts zu ersetzen
Ehescheidungen und Affären spielen in „Harry Potter“ keine Rolle. Im Gegenteil, die Rolle der Familie wird besonders geschätzt und in den Vordergrund gestellt. Harry leidet sehr darunter, daß seine Eltern nicht mehr leben. Für die Schüler der Zauberschule, allen voran Harry selber, gibt es keine größere Beleidigung, als wenn ihre Eltern verspottet werden, und Harrys bester Freund hat sieben Geschwister. Dank ihrer Großherzigkeit wird Rons liebevolle, etwas chaotische Familie für Harry zum zweiten zu Hause. Was Harry am Leben in Rons Haus jedoch am ungewöhnlichsten vorkam, war nicht der sprechende Spiegel oder der lärmende Ghul: es war schlicht und einfach, dass ihn offenbar alle mochten. ( Band I, 113, vgl. 335; vgl. Band II, 46)Man könnte dies geradezu als Plädoyer für die kinderreiche Familie verstehen, demgegenüber sind Harrys schlimmste Gegenspieler, sein Cousin Dudley und sein Mitschüler Malfoy, Einzelkinder. Wichtiger als die Zahl der Kinder (auch Harrys gute Freundin Hermine ist wohl ein Einzelkind) ist jedoch die Liebe und Großherzigkeit der Eltern, die in Harrys Fall ihm sogar das Leben gerettet hat.
Lektion 6: Unsere Entscheidungen sind wichtiger als unsere Herkunft
Die Familie, die Herkunft und seine Fähigkeiten prägen unsere Person und Persönlichkeit. Entscheidend für das Leben ist jedoch erst, was wir daraus machen. Harry erschrickt zutiefst, als er erkennt, dass Lord Voldemort mit dem Todesfluch, der Harry töten sollte, einige seiner Eigenschaften auf ihn übertragen hat, und befürchtet, dem Bösen ausgeliefert zu sein. Sein Schulleiter Dumbledore kann ihn jedoch beruhigen: Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind. (Band II, 343)
Trotz guten oder schlechten Veranlagungen bleibt jedem die Freiheit, auf welche Seite er sich schlägt. Dies erfährt Harry auch angesichts der Erkenntnis, dass er durch eine Prophezeiung „auserwählt“ ist, gegen Lord Voldemort zu kämpfen und ihn entweder zu besiegen oder unterzugehen. Nichts und niemand kann ihm seine Freiheit nehmen, sich für den Kampf für das Gute oder dagegen zu entscheiden, und er entscheidet sich dafür(Vgl. Band VI, 513ff).
Lektion 7: Lieben, bis es weh tut
Das Gute ist es wert, dafür sein Leben einzusetzen. Diese Erkenntnis zieht sich durch die Geschichte von Harry Potter. Angefangen von seinen Eltern, die im Kampf für ihn gestorben sind, hat Harry diese Auseinandersetzung viele Male erlebt und muß in Band V und VI, nach dem Tod seines Paten Sirius, seine eigene Entscheidung treffen, und er entscheidet sich dafür, sein Leben einzusetzen, auch wenn es ihn den Tod kosten sollte (Vgl. Band VI, 83). Nur Lord Voldemort, der Böse, fürchtet nichts mehr als den eigenen Tod (Vgl. Band V - englische Ausgabe, 718; vgl. auch Band VI, 277, 503ff).
Im Dienste dieses Guten muß Harry auch schmerzlich lernen, daß das Wohl des geliebten Menschen manchmal schwerer wiegen kann selbst als das so natürliche und selbstverständliche Bedürfnis nach Nähe. Deshalb entschließt er sich, sich von Ginny zu trennen, bis Lord Voldemort besiegt sein würde, um sie keiner Gefahr auszusetzen. Und Ginny ist nicht einmal überrascht, weil sie ihn mit seiner ganzen Person liebt, auch mit seiner „Sendung“ (wenn man so will), seiner Aufgabe, Lord Voldemort zu vernichten: Also …ich kann nicht behaupten, dass ich überrascht bin. Ich wusste, dass es irgendwann passieren würde. Ich wusste, du würdest nicht glücklich sein, wenn du Voldemort nicht jagst. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dich so sehr mag. (Band VI, 650f)
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Kommentare

Super! Ich gratuliere die oder den Autor/in und bedanke mich für den guten Artikel.