Welche Werte braucht das Land? Debatte um das Bildungswesen in Japan

Erziehungs- und Bildungsziele sollen in Japan konkreter formuliert, Kindern und Jugendlichen wieder stärker Gemeinsinn und Werte wie Respekt vor Tradition und Kultur vermittelt werden. Was sich in den Medien vordergründig als Streit darum darstellt, wieviel Heimatliebe oder Patriotismus der Staat fordern und fördern darf, enthüllt sich bei näherer Betrachtung als Auseinandersetzung um die Voraussetzungen eines funktionierenden Gemeinwesens, von denen (in der zeitlos treffenden Formulierung von E.W. Böckenförde) der Staat lebt, ohne sie selbst garantieren zu können. (von unserem Korrespondenten in Tokyo)
Das Maß an Kohärenz und Gemeinsinn in der japanischen Gesellschaft ist aus deutscher und europäischer Sicht betrachtet noch immer beneidenswert hoch. Die Angst vor dem Schwinden der Wertebasis ist aber fühlbar - offensichtlich kein rein europäisches, sondern ein globales Problem.
Das japanische Bildungsrahmengesetz von 1947 war - unter amerikanischem Einfluss - vor allem mit dem Ziel formuliert worden, ein Wiederaufleben des Nationalismus zu verhindern. Ähnlich wie die Verfassung ist es nie reformiert worden. Jahrzehntelang hatte offenbar auch nicht die Notwendigkeit bestanden, sich auf die Grundlagen des Bildungssystems zu besinnen und diese neu zu formulieren. In der Regierungspartei LDP regten sich jedoch seit einigen Jahren kritische Stimmen, die eine Novelle des Gesetzes verlangten, weil es nach ihrer Ansicht den heutigen Anforderungen nicht mehr genüge und „überzogenen Individualismus“ fördere. Dahinter verbirgt sich zum einen ein wieder erstarkendes nationales Selbstgefühl in Japan, andererseits aber auch die Sorge vor einer Erosion der bisher von Familiensinn und Disziplin geprägten gesellschaftlichen Werteordnung. Ganz konkret wurde verlangt, Heimatliebe bzw. Patriotismus müssten wieder als Erziehungs- und Bildungsziele formuliert werden, was wiederum heftigen Widerspruch aus unterschiedlichen politischen Lagern weckte.
Nach dreijähriger Vorbereitungsarbeit wurde nun im April 2006 eine Gesetzesnovelle vorgelegt, die einem Teil der Bedenken Rechnung trägt, Reizworte vermeidet, aber erkennbar dem Ziel dient, eine stärkere Werteorientierung zu fördern. Die wichtigsten Ziele der Reformvorlage sind:
a) Erziehung zu Gemeinsinn, Sensibilität und Respekt vor Tradition und Kultur Japans, zur „Förderung einer Haltung der Liebe zu Vaterland und Heimat“;
b) Verankerung des Prinzips des lebenslangen Lernens, auch angesichts des rapiden demographischen Wandels in Japan (der sich noch schneller vollzieht als in Deutschland);
c) Förderung von Privatschulen durch Schaffung einer gesetzlichen Grundlage für ihre Unterstützung durch Staat und Kommunen;
d) Flexibilisierung der Schulpflichtdauer (um die Möglichkeit zu ihrer Verlängerung zu schaffen);
e) Förderung der Erziehung in der Familie und der Vorschulerziehung.
Für den europäischen Betrachter sind Zusammenhalt und Disziplin in der japanischen Gesellschaft immer noch eindrucksvoll. Höflichkeit, Fleiß, Bescheidenheit, Disziplin - in Deutschland seit langem als „Sekundärtugenden“ entlarvt und lächerlich gemacht - haben in Japan noch eine wichtige Funktion. Sie ermöglichen sowohl das Funktionieren gigantischer Städte wie Tokyo, als auch den Fortbestand traditioneller japanischer Lebensformen auf dem Land. Nicht zuletzt das im globalen Vergleich geradezu phänomenale Maß öffentlicher Sicherheit wäre ohne diesen funktionierenden gesellschaftlichen Konsens nicht denkbar.
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