Koedukation – eine Errungenschaft oder ein historischer Irrtum?

Koedukation – eine Errungenschaft oder ein historischer Irrtum?
Die wissenschaftliche Auswertung neuer Untersuchungen wie PISA, TIMS etc. zeigen unübersehbar unterschiedliche Ergebnisse in den Leistungen für Jungen und Mädchen. Uniideologische Schlüsse für die Schule daraus zu ziehen, ist eine Frage der pädagogischen Redlichkeit. Die Vielfalt schulischer Angebote – nicht die Einheitsschule – wird den unterschiedlichen Bedürfnissen einer pluralistischen Gesellschaft am ehesten gerecht.
So fragte der Spiegel im März 1998. Seit der Einführung der Koedukation an den öffentlichen Schulen in der BRD vor 30 Jahren ist die Diskussion über Vor- und Nachteile nicht mehr abgebrochen. Auch die PISA-Studie empfiehlt ein Nachdenken darüber.
Bildungspolitiker und –theoretiker, Feministinnen und Schulpraktiker hielten Koedukation zumeist einfach für das „Fortschrittlichere“ und somit für das „Bessere“. Dass es so einfach nicht ist, haben wissenschaftliche Untersuchungen schon bald nachgewiesen. Etwas später haben Bildungspolitiker, die heute vorsichtig von „reflexiver Koedukation“ sprechen, ihre Schlüsse daraus gezogen: Die Erfahrung habe gezeigt, dass es sinnvoll sei, Mädchen und Jungen zeitweise bzw. in einigen Fächern, z.B. in Sport oder Physik, in der Schule getrennt zu unterrichten.
Personale Erziehung
Die pädagogische Gretchenfrage wird aber nur selten gestellt: „Wie hältst Du’s mit der Person?“ Sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Bezug auf Psyche, Lebensart und Fähigkeiten angeboren oder anerzogen? Leute, die meinen, dass es eigentlich gar keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gebe, müssen andere pädagogische Wege gehen als die, die in der Verschiedenartigkeit der Geschlechter einen vom Schöpfer gewollten Reichtum sehen, der den Menschen „als Mann und Frau“ erschuf (Gen. 1,27). Dem biblischen Befund entsprechen die eigene Wahrnehmung, die Erfahrung vieler Erzieher und auch die Ergebnisse wissenschaftlich-empirischer Untersuchungen: Vielfältige, von der Natur gegebene Unterschiede der Geschlechter sind nicht zu leugnen.
Was kann Monoedukation leisten?
Darauf basieren pädagogische und didaktische Konzepte freier Träger von Jungen- bzw. Mädchenschulen, die Alternativen zur staatlich verordneten Koedukation bieten. Denn Schule ist immer Ort von „Erziehung und Unterricht“:
1. Personale Erziehung ist wesentlich persönliche Begegnung; sie ist mehr und etwas Anderes als „Sozialisation“. Schüler messen und reiben sich vor allem am Mitschüler und die Schülerin an der Mitschülerin. Mädchen und Jungen werden in den ihnen eigenen Stärken und Schwächen - in Bezug auf Sozialverhalten, Charakterbildung, religiöse Erziehung – getrennt adäquat gefördert. Zur Reifung und Ausprägung geschlechtsspezifischer Denk- und Verhaltensweisen haben Mädchen und Jungen jeweils einen Frei- und Schonraum.
2. Guter Unterricht beachtet unterschiedliche Zugänge von Jungen und Mädchen z.B. im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht, bei der Literaturauswahl im Fach Deutsch und in den Fremdsprachen; fördert die spezifischen sprachlichen Fähigkeiten der Mädchen, geht Defiziten bei den Jungen nach; berücksichtigt die unterschiedlichen Interessen und Vermögen von Jungen und Mädchen in der Pubertät.
Plädoyer für die Freiheit
Es gibt ernst zu nehmende Argumente, für und wider beide Schulformen, die zum Wohl des einzelnen Schülers, der einzelnen Schülerin erwogen werden müssen. Für die Koedukation sprechen ggf. organisatorische Vorteile für den familiären Alltag, Klassenklima und Disziplin (positiver Einfluss der Mädchen) oder die spezifische Situation des einzelnen Kindes, in der Oberstufe die Bereicherung durch Austausch und die Begegnung der Geschlechter.
Erfolgreiche personale Erziehung und schülerorientierter Unterricht kann sowohl in Mädchen- und Jungen- als auch in Koedukationsschulen geleistet werden. Den pädagogischen Herausforderungen der Koedukation müsste dann jedoch in der Lehrerausbildung - ideologiefrei - viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als es heute der Fall ist. Die Vielfalt schulischer Angebote – nicht die Einheitsschule – wird den unterschiedlichen Bedürfnissen einer pluralistischen Gesellschaft am ehesten gerecht.
Quelle: Erziehungstrends/Komma
[Weiterführende Literatur]
Ingbert von Martial, Koedukation und getrennte Erziehung (Pädagogik und Freie Schule, Heft 51), Köln 1998
Christa Meves, Benbachteiligte Jungen – Frustrierte Mädchen, (Pädagogik und Freie Schule, Heft 60), Köln 2003
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