Erziehungsziel: Freundschaftsfähigkeit

 Freundschaftsfähigkeit
Klagen über Vereinsamung, über die Atomisierung unserer Gesellschaft, über den Egoismus, die Ellenbogengesellschaft etc. nehmen beängstigend zu. Könnte es sein, dass wir bei aller Fortschrittlichkeit dabei sind, eine wichtige Fähigkeit zu verlieren: Freunde zu gewinnen? Darüber nachzudenken, wie man schon Kinder zur Freundschaft befähigen kann, lohnt sich.
Für alle Menschen, besonders aber für Jugendliche gehört es zum Wichtigsten, gute Freunde zu haben. Meist kommt das Wort aber nur in der Einzahl vor, weil sich viele Menschen mit der Freundschaftsfähigkeit schwer tun. Woran liegt das?.
Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. So erklärt der Fuchs in dem Märchen von Saint-Exupéry dem „kleinen Prinzen“ die Krise der Freundschaft. Freunde kann man nicht mit der Münze kaufen, für die in unserer Gesellschaft sonst alles zu haben ist.
In den germanischen Sprachen hat das Wort Freund dieselbe Wurzel wie das Wort Liebe. Auch im Lateinischen hängen amicus (Freund) und amare (lieben) eng zusammen. Schon bei den Griechen und Römern wird Freundschaft in einem Atemzug mit Wohlwollen und Liebe genannt. Und für Christen ist Freundschaft vollends eine Form der Liebe. „Ich habe euch Freunde genannt“, so spricht Jesus seine Jünger an, von denen man nachher sagte: „Seht, wie sie einander lieben.“
Freundschaft hat also mit Liebe zu tun; ist viel mehr als sich gut kennen, etwas Gemeinsames unternehmen, gleiche Interessen haben oder als „Kumpanei“. Nicht nur etwas von dem anderen, sondern der andere selbst steht im Mittelpunkt: Die Person, so wie sie ist, nicht was sie hat. Und Personen kann man nicht kaufen, da hat der Fuchs recht. Sie können sich nur verschenken, ihr Wohlwollen, ihre Zuneigung, ihre Liebe.
In kinderreichen Familien lernt man das am leichtesten: mit den Geschwistern teilen, auf ihre Wünsche eingehen, die eigenen Ansprüche zurückschrauben, den anderen helfen, Aufgaben übernehmen, im Alltag einüben, die eigene Person zurückzunehmen. Kinder, die in einer solchen Atmosphäre aufwachsen, haben einen großen „Freundschaftsvorteil“. Andere müssen es sich mühsamer erkämpfen.
Jugendlichen wieder beizubringen, dass man etwas dafür tun kann, Freunde zu gewinnen, ist ein „unbekanntes“ aber wichtiges Erziehungsziel, will man nicht in späteren Jahren an der Einsamkeit leiden. Freunde bekommt man nur geschenkt, wenn man sich selbst verschenkt, wenn man sich öffnet für den anderen, Anteil nimmt an seinem Geschick, wenn man Vertrauen riskiert. Es lohnt, darüber nachzudenken, wie junge Menschen in der Familie und in der Schule dafür durch ein „Freundschaftsklima“ stärker befähigt werden können.
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