Rezension: Leben in mir

 Leben in mir
Im Kino stehen seit einiger Zeit ungewollt schwanger gewordene junge Frauen hoch im Kurs. Das Drogenkurier-Drama „Maria voll der Gnade“ handelte unlängst von der 17-jährigen Maria, die in der kolumbianischen Provinz kein einfaches Leben führt: Sie ist unzufrieden mit ihrer Arbeit und ihrer Familie, und den Vater ihres ungeboreneren Kindes liebt sie auch nicht mehr. Jetzt kommt ein Film der Polnischen Regisseurin Malgosia Szumowska in die Kinos.
Filmische Qualität: 3 von 5 Punkten
Regie: Malgosia Szumowska
Darsteller: Malgosia Bela, Marek Walczewski, Teresa Dudzisz-Krzyzanowska, Barbara Kurzaj, Marcin Brzozowski, Andrzej Chyra
Land, Jahr: Polen / Deutschland 2004
Laufzeit: 95 Minuten
Genre: Drama
Publikum: Ältere Jugendliche, Erwachsene
Einschränkungen: Sinnliche Szenen

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de
Foto: © Pandora Filmverleih

In ihrem Spielfilmdebüt „Die Perlenstickerinnen“ zeichnete die französische Regisseurin Eléonore Faucher ein Porträt der erst 17-jährigen Claire, die ebenfalls schwanger ist, aber den Vater ihres zukünftigen Kindes nicht liebt. Dieser interessiert sich lediglich dafür, ob sie das Kind abtreiben will und Geld dafür braucht. Nein, abtreiben will Claire nicht, ebenso wenig wie Maria. Sowohl Maria als auch Claire entscheiden sich mit aller Selbstverständlichkeit für ihr Kind.
Der zweite Spielfilm der polnischen Regisseurin Malgosia Szumowska „Leben in mir“ („Ono“), der in der Sektion „Panorama“ der Berlinale 2005 gezeigt wurde und nun im regulären deutschen Kinoprogramm startet, erzählt wiederum von einer unbeabsichtigt schwanger gewordenen Frau: Eva (Malgosia Bela), die in einer ähnlichen Situation lebt wie Maria aus Kolumbien und Claire aus Frankreich. Auch sie arbeitet in einem schlecht bezahlten und sie nicht ausfüllenden Job. Und die familiäre Lage stellt sich in der polnischen auch nicht besser als in der kolumbianischen oder französischen Provinz dar: Evas Mutter bringt kaum Interesse für ihre Tochter auf, Evas Vater verliert langsam sein Gedächtnis. Ähnlich in „Maria voll der Gnade“ und „Die Perlenstickerinnen“ spielt in Evas Leben der Mann, von dem sie das Kind erwartet, längst gar keine Rolle mehr. Obwohl sie im Gegensatz zu Marie und Claire keine Minderjährige mehr ist, fühlt sich Eva dennoch zu jung für ein Kind.
In ihrer trostlosen Lage, die von der Kamera mit kalten Farben und unruhigen Bewegungen unterstrichen wird, entscheidet sich Eva zunächst gegen das Kind. Das für die (illegale) Abtreibung mühsam beschaffte Geld wird ihr jedoch auf dem Weg zur Klinik von einem Drogensüchtigen gestohlen. Ein Zufall ändert allerdings ihre Entscheidung radikal: Im Krankenhaus erfährt sie aus einem mitgehörten Gespräch, dass ihr Kind sie bereits hören kann. Nun versucht Eva, ihrem Kind die Welt – die Farben, die Klänge, die Formen – zu erklären. Ihm spielt sie sogar die Musik vor, die ihr Vater so sehr liebt. Für Eva selbst ändert sich auch die Wahrnehmung, was der Film durch eine schöne Traumsequenz verdeutlicht. Sie beginnt, mit dem Ungeborenen in ihrem Bauch zu reden und ihm die Welt zu erklären.
Mit ihrer Umkehr wird aus der mit ihrem Job und ihrem Leben Unzufriedenen eine liebevolle, aktive junge Frau, die endlich die schönen Seiten des Lebens entdeckt. Durch das intime Verhältnis zum ungeborenen Kind erfährt Evas Leben eine Wende: Sie freundet sich mit der Prostituierten Ivona an, versucht, zu ihrer verschlossenen Mutter einen neuen Zugang zu finden. Sie verliebt sich darüber hinaus, und zwar ausgerechnet in Michal (Marcin Brzozowski), den „Junkie“, der ihr das Geld gestohlen hatte.
Obwohl sich „Leben in mir“ einer teilweise surrealen Filmsprache bedient, mit allzu häufig rätselhaften Sequenzen, die das Verständnis erschweren, weshalb die Erzählung weniger stimmig als in „Maria voll der Gnade“ und „Die Perlenstickerinnen“ ausfällt, liefert Malgosia Szumowskas Film ein deutliches Plädoyer für das Leben. „Leben in mir“ besitzt eine Poesie, die zwar nicht immer absolut stringent in Szene gesetzt wird, den neugewonnenen Lebensmut in Evas Leben jedoch einfühlsam auf die Menschen und auf die Landschaft überträgt.
Malgosia Bela, die bisher als Model arbeitete, liefert in „Leben in mir“ ihr Schauspieldebüt. Den deutschen Zuschauern ist sie allerdings durch ihre zweite Kinorolle als Hania Tuszynska, die Jugendfreundin Karol Wojtylas in „Karol – Ein Mann, der Papst wurde“ („Karol – Un uomo diventato Papa“) bereits bekannt.

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