Ein Kuss sagt mehr als tausend Worte

Die katholische Kirche steht im Ruf, leibfeindlich zu sein und die Sexualität zu verdrängen. Was aber hat Johannes Paul II. wirklich zum Thema Sexualität gesagt?
Johannes Paul II. hat sich viel mit der Liebe, besonders auch der körperlichen Liebe, auseinandergesetzt, vor allem in seinen Katechesen. Zunächst betont er, dass jeder Mensch von Gott eine eigene Berufung bekommen hat. Eine Berufung ist die zur Ehe, sie ist – wie die Berufung zum Priestertum oder zum Ordensleben – eine besondere Gnade, ein besonderes Geschenk von Gott: der Ruf, Christus in Ehe und Familie nachzufolgen.
„Also empfangen auch diejenigen, die die Ehe wählen und in ihr leben, von Gott eine „Gnadengabe“, „ihre Gnadengabe“, das heißt eben die Gnade dieser Entscheidung, dieser Art zu leben, dieses Standes.“1
Johannes Paul II. stellt sich damit dem Eindruck entgegen, nur Priester und Ordensleute wären in besonderer Weise von Gott berufen. Gott beruft uns alle, heilig zu werden, indem wir ihn und unsere Mitmenschen lieben lernen. In diesen Zusammenhang, innerhalb der Berufung, heilig zu werden, stellt er auch die Sexualität des Menschen: sie gehört grundlegend zum Menschsein dazu und wird sozusagen in den Dienst der Heiligkeit gestellt, wenn sie überein stimmt mit der Persönlichkeit und der eigenen Berufung.
Demnach bedeutet „miteinander schlafen“ in der Ehe nach Johannes Paul II. miteinander eins sein, sich dem anderen ganz hingeben und den anderen ganz annehmen. Dadurch erfüllen und bereichern sich Mann und Frau gegenseitig. Sie erkennen sich gegenseitig immer wieder neu und rufen sich wie beim ersten Mal beim Namen und entdecken dadurch das Geheimnis der Schöpfung.
Dadurch werden beide in ihrem Mann- und Frausein zum Geschenk für den anderen. Dieses Geschenksein für den anderen nennt Johannes Paul II. den „bräutlichen Charakter des Leibes“.
„Diese beiden Funktionen des gegenseitigen Austauschs sind im ganzen Vorgang des Sich-Schenkens aufs tiefste miteinander verbunden: das Sich-Schenken und das Annehmen des Geschenks durchdringen einander so, dass das Schenken zum Annehmen und das Annehmen zum Schenken wird.“2
Diese Liebe kann man verfehlen, wenn man den anderen zum Objekt macht, ihn oder sie verzweckt für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse, ohne das Wohl des anderen im Auge zu haben. Die Lust und das Verlangen an sich ist jedoch keine Sünde, aber eben auch nicht der einzige Sinn.
In besonderer Weise „erkennen“ Mann und Frau sich gegenseitig im gemeinsamen Kind, das ein Bild ihrer Einheit ist. Sie haben dadurch in besonderer Weise teil an der Schöpfung Gottes, indem sie zu „Mitschöpfern“ werden.
„Und beide, Mann und Frau, bejahen sich in dem neu gezeugten Menschen. In dieser Bejahung scheint das biblische Erkennen eine noch größere Dimension zu erhalten. Das heißt, es scheint sich in jenes Sehen Gottes selbst einzufügen, mit dem der erste Bericht über die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau „nach dem Abbild Gottes“ endet: „Gott sah, dass alles, was er gemacht hatte, sehr gut war“ (Gen 1, 31).“3
Die leibliche Liebe von Mann und Frau in der Ehe kann so zu einem Element auf dem Weg zu Gott werden, indem sie eine immer tiefer werdende geistige Einheit ausdrückt. Außerdem können Mann und Frau in der Achtung ihrer Fruchtbarkeit zu „Mitschöpfern“ Gottes werden, wodurch sie Gottes Aufgabe für ihre Familie erfüllen. Sie benötigen dafür den Respekt vor ihrem eigenen Leib und ihrer eigenen Person, genauso wie für den Leib und die Person (und damit insbesondere auch die Fruchtbarkeit) des Ehepartners.
1 Johannes Paul II., Die Erlösung des Leibes und die Sakramentalität der Ehe. Katechese 1981-1984, hrsg. v. Norbert und Renate Martin (Vallendar-Schönstatt 1985), S. 142.
2 Johannes Paul II., Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan. Katechesen 1979-1981, hrsg. v. Norbert und Renate Martin (Vallendar-Schönstatt 1985), S. 140.
3 Ebd., S. 171.
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