Serie: Charakterbildung durch die Eltern (Teil 1)

 Charakterbildung durch die Eltern (Teil 1)
Nur wenige Mütter und Väter würden der Behauptung widersprechen, dass die Erziehung der Kinder in der heutigen Gesellschaft schwieriger sei als zu Zeiten unserer Eltern. Die Gesellschaft hat sich verändert und der Einfluss von außen auf unsere Kinder ist stärker als noch zu unserer Kindheit. Heutzutage sind die Familien kleiner, oft sind beide Elternteile berufstätig und können nicht so viel Zeit mit ihren Kinder verbringen wie sie möchten. In vielen Familien läuft der Fernseher mehrere Stunden am Tag. Angesichts dieser Herausforderungen wird vielen Menschen bewusst, dass ihr guter Wille alleine nicht ausreicht, um ihre Kinder erfolgreich großzuziehen. Sie müssen lernen, gute Eltern zu werden und nach klaren Regeln zu handeln. Diese Artikelserie gibt einige Anregungen für „erfolgreiche Eltern“.

Original: „Parenting for character“ von Andrew Mullins, erschienen bei www.mercatornet.com. Aus dem Englischen übersetzt von Simone Rüssel. Andrew Mullins ist Leiter des Redfield College, einer freien Jungenschule im Nordwesten von Sydney.

Einige Definitionen
Der Charakter ist die Dimension einer Persönlichkeit, die durch die Erziehung zur Einhaltung sittlicher Werte entsteht. Wir müssen erst lernen fair, großzügig, tolerant etc. zu sein.
Das Temperament ist die Dimension einer Persönlichkeit, die von Natur aus gegeben ist – durch unsere Gene und unsere Umgebung. Wir sagen, dass eine Person von Natur aus lebhaft, schweigsam, impulsiv, nachdenklich, etc. ist.
Wie wird man gute Eltern?
Das eigentliche Ziel von Erziehung sind reife Erwachsene

Erziehung ist die Kunst, glückliche, reife, großzügige Erwachsene heranzuziehen und nicht nur einfach fröhliche Kinder. Leider sind die meisten Erziehungsratgeber mehr taktischer als strategischer Natur. Sie legen einen zu großen Schwerpunkt auf die Erziehung im Detail: wie bekomme ich ein glückliches Kind (nicht wie wird mein Kind ein zufriedener Erwachsener), wie vermeide ich Wutanfälle, wie spreche ich mit einem Jugendlichen, wie wechsle ich eine Windel. Dies lässt die Eltern jedoch im Dunkeln darüber, wie sie ihre Kinder zu Menschen mit klaren Zielen und Werten erziehen. Gute Erziehung konzentriert sich auf langfristige Ergebnisse, nicht nur auf das derzeitige physische und emotionale Wohl der Kleinen. Das Hauptziel der Eltern muss die Charakterbildung sein. Sie sollen vor allem die positiven Charaktereigenschaften im Blick haben, die sie bei ihren Kindern fördern wollen und dann daran arbeiten, sie in diesen zu bestärken.
Kinder können nicht ohne feste Werte glücklich werden
Erfolgreiche Elternschaft heißt, positive Werte weiterzugeben, so dass Jungen und Mädchen in ihren lebenslangen Verpflichtungen in ihren künftigen Familien glücklich werden. Gutes Benehmen ist eines der Ziele bei der Weitergabe guter Werte, aber es ist nicht das Wichtigste in der Erziehung. Es ist möglich, gut erzogene, kompetente, hart arbeitende Kinder großzuziehen, die egoistische, rücksichtslos pragmatische Erwachsene werden, unfähig zu dauerhaften Bindungen.
Wir müssen vielmehr danach streben, dass all unsere Aktionen von einer freundlichen und liebevollen Intention untermalt werden. Im Leben brauchen wir tief verinnerlichtes gutes Benehmen (z.B. Ordnung, Fleiß, Aufrichtigkeit, etc.) und dieses Verhalten muss von einer liebevollen Grundhaltung begleitet sein. Diese Intention ist absolut notwendig. Wir müssen sie formen und auf ihr schon bei Kleinkindern bestehen. Es ist viel besser ein Kind zu lehren: „Tu dies, denn es wird Mama helfen“, als zu sagen „Tu es, weil ich es gesagt habe“.
Viele Eltern schaffen es jedoch leider nicht, solche Werte zu vermitteln. Dies hat drei Gründe:
1. Viele heutige Eltern haben keine klare Vorstellung von Werten, die sie ihren Kinder weitergeben können, die über ein „Tu, was du für richtig hältst“ und „Tu niemandem absichtlich weh“ hinausgehen. In unserer heutigen Zeit, in der junge Menschen vielen starken und attraktiven aber schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind, reicht das nicht.
2. Manche Eltern vertreten zwar positive Werte, aber so, als seien sie eine Last. Sie müssen zeigen, dass die Werte, über die sie sprechen, sie glücklich und ihr Zuhause fröhlich machen. Sonst werden sich die Kinder denken, „Mama und Papa, ich liebe euch zwar sehr, aber ich muss mein Glück draußen im Leben suchen. Ich werde andere Werte brauchen.“
3. Eltern jeden Alters leben nicht immer entsprechend ihren eigenen Werten. Eltern, die lebendigen Glauben und religiöse Traditionen weitergeben wollen, müssen diese zunächst und vor allem in ihren eigenen Alltag als Ausdruck tiefster Dankbarkeit gegenüber Gott einfließen lassen, um zu zeigen, dass dieser Glaube und dieses Handeln die Quelle tiefen Friedens und Gelassenheit sind angesichts jeder kleinen und größeren Herausforderung, die das Leben mit sich bringt.
Die ersten zwölf Jahre sind entscheidend, nicht die Teenagerzeit
Entgegen der allgemeinen Meinung, ist nicht die Pubertät eine harte Probe für die elterlichen Fähigkeiten, sondern die Kleinkindzeit. Alle Teenager waren einmal Kleinkinder und all ihre Probleme in der Pubertät sind nur die Entfaltung ihrer Stärken und Schwächen, die sie mit Hilfe ihrer Eltern ausgebildet haben, als sie klein waren. So sollten Eltern den Kindern von Anfang an Werte einprägen, statt zu warten bis sie über die ersten Probleme stolpern. Die meiste Arbeit ist getan, bevor die Hormone der Jugendlichen „verrückt spielen“.
Das Großziehen von Kindern bedeutet nicht, sie zu klonen, so dass sie den eigenen Wunschvorstellungen entsprechen. Sie sollen ihr eigenes Leben meistern. Daher dürfen sie das Leben selbst der Kleinen nicht übermäßig „managen“ und ihnen nicht das selbständige Denken abnehmen. Wer nie gelernt hat, in der Kindheit für sich selber zu denken, wird als Jugendlicher auch nicht dazu in der Lage sein. Nennen Sie schon den Kleinsten Gründe für Ihre Entscheidungen. Junge Menschen werden ein verlässliches Nachschlagewerk benötigen, wenn sie ihre eigenen Wege gehen. Erklären Sie einfach und aufrichtig den Grund für die Entscheidungen, die Sie im Interesse Ihres Kindes getroffen haben, weil z.B. physische oder moralische Gefahren auf dem Weg lagen, den die Kinder einschlagen wollten.
Führen sie sehr positive Kommunikationsgewohnheiten ein. Nehmen Sie Gespräche selbst mit kleinen Kindern ernst. Seien Sie nicht negativ. Beginnen Sie mit dem, was Sie an dem Charakter Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter schätzen. Formulieren Sie schon früh sehr genau Lob und Kritik immer positiv und konstruktiv. Ohne eine stabile Eltern-Kind-Beziehung und besondere Aufmerksamkeit in den ersten 10 Jahren, werden die Bindungen zwischen Eltern und Teenagern belastet oder sie reißen sogar.
Sprechen Sie offen mit jüngeren Kindern über Partnerschaft und Sexualität. Sie haben eine wichtige Aufgabe, ihre Kinder auf die komplexen aber positiven Herausforderungen der sexuellen Anziehungskraft vorzubereiten. Wie viele Ehen hätten gerettet werden können, wenn die Kinder besser auf die Aufgaben vorbereitet gewesen wären, die eine Beziehung mit sich bringen.
Die Pubertät muss nicht schwierig sein
Die Zeit des Heranwachsens sollte eine wundervolle Zeit sein, in der Jungen und Mädchen ihre Selbständigkeit entdecken und entscheiden, auf welchen Werten sie ihr Leben aufbauen wollen. Die physischen und psychischen Veränderungen der Pubertät bringen oft einige Unruhe mit sich, aber wenn Kinder die Schlüsseltugenden wie gerechtes Urteilen, Durchhaltevermögen, Selbstkontrolle und Respekt vor Anderen bereits als Kleinkinder und Kinder entwickelt haben, werden sie gut damit zurecht kommen.
Mutter und Vater sind hinter dem Steuerrad
Wir machen oft den Einfluss des Umfeldes und negative Vorbilder in den Medien für das Fehlverhalten der Kinder verantwortlich. Aber gute Elternschaft erfordert Strategien, um diesen Einflüssen zuvor zu kommen und entgegenzutreten, bevor sie die Kinder schädigen können. Eltern sind dafür verantwortlich, das Familienumfeld einzugrenzen-- wenn sie ihre Kinder mit ihren eigenen Werten erziehen wollen, müssen sie kreativ und energisch sein, damit ihre Kinder nicht von Händlern anderer Werte gefangen werden.
Das heißt insbesondere, dass die Eltern die Einflüsse auf ihr Zuhause regeln müssen. Je jünger Kinder sind, umso leichter sind sie zu beeindrucken. Kinder werden jeden nachahmen, der Zeit mit ihnen verbringt und sich für sie interessiert. Dies bezieht sich auch auf Charaktere in Videos, X-Box und Chatrooms. Kinder sind viel zu wertvoll, als dass wir sie den negativen Einflüssen von Fernseh- und Internetzugang unkontrolliert aussetzen dürften. Lernen Sie die Freunde ihrer Kinder kennen und deren Eltern. Erleichtern Sie es ihnen, ihre Freunde mit nach Hause zu bringen.
Es ist ein Klischee, dass Kinder nicht vom wirklichen Leben ferngehalten werden dürfen. Das ist Unsinn. Kinder sollten nicht in Watte gepackt werden, aber jede Familie muss einen „Schutzraum“ bilden. Kinder können in der Pubertät und in den ersten Jahren als Erwachsene ernsthaften Schaden davontragen. Durch Unerfahrenheit und Mangel an Klarheit, was richtig und falsch ist, treffen sie Entscheidungen, die dauerhafte negative Konsequenzen mit sich bringen. Nachlässige Erziehung führt zu vielen Problemen bei Kindern, weil sie es nicht schaffen, Stärken wie Selbstkontrolle und Starkmut zu entwickeln.
Beeinflussen Sie die Umgebung, in der Ihr Kind aufwächst, aber werden Sie keine Einsiedler. Ziehen Sie Ihre Kinder nicht in einem Bunker groß, verbringen Sie viel Zeit mit anderen Familien, die Ihre Werte teilen. Ihre Kinder müssen erleben, dass Sie sich selbst und Ihre Zeit für tiefe Freundschaften einsetzen, sonst werden sie es nie lernen.
Im nächsten Teil geht es um die "Prioritäten der Eltern"

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