Serie: Charakterbildung durch die Eltern (Teil 3)

 Charakterbildung durch die Eltern (Teil 3)
Im dritten und letzten Teil unserer Serie zum Thema Charakterbildung geht es um Tugenden. Ein Begriff, der in den letzten Jahren von vielen selbsternannten Pädagogikexperten belächelt wurde. Nun aber scheint es eine Renaissance des Begriffs und der darauf ausgerichteten Erziehung zu geben. Unser Artikel möchte Ihnen die Tugenden vorstellen, die für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besonders bedeutsam sind.

Original: „Parenting for character“ von Andrew Mullins, erschienen bei www.mercatornet.com. Aus dem Englischen übersetzt von Simone Rüssel. Andrew Mullins ist Leiter des Redfield College, einer freien Jungenschule im Nordwesten von Sydney.

Wie sich der Charakter bei Kindern entwickelt
Ein guter Charakter entwickelt sich aus guten Gewohnheiten oder Tugenden. Die Charakterentwicklung erfordert die Ausbildung der gesamten Palette von Tugenden. Sie entwickeln sich normalerweise aus der Wiederholung guter Taten. Zum Beispiel führt das wiederholte Bemühen um Höflichkeit - ungeachtet der eigenen Gefühle - zu der Tugend der Nächstenliebe und des Respekts.
Während der letzten 40 Jahre ist ein Großteil der westlichen Welt einer Vorstellung von Tugenden aus dem Weg gegangen; sie haben sich den Idealen von Spontaneität und kindlicher Unschuld zugewandt. Folglich, wie jeder Lehrer bestätigen wird, treten viele Kinder ins Erwachsenenleben ein, ohne Tugenden wie Durchhaltevermögens, Verantwortungsbewusstsein und Respekt vor Anderen erlernt zu haben. Sie brauchen diese aber, um im Leben zurecht zu kommen. Sie haben einfach nicht gelernt, gegen die Schwächen, die es in jeder menschlichen Natur gibt, anzukämpfen.
In manchen Ohren klingt das Wort Tugend altmodisch und impliziert das Einhämmern roher und unwillkommener Lektionen in aufsässige Jugendliche. Die Wahrheit ist genau umgekehrt. Das wirkungsvollste Mittel, um Tugenden zu vermitteln, ist Zuneigung; und das unverkennbare Ergebnis ist Leichtigkeit und Freude an der guten Gewohnheit. Kinder lernen durch positive Beispiele, liebevolle und zuversichtliche Ermutigung, um Herausforderungen zu begegnen, durch klare logische Erklärungen und Anweisungen, tägliche Aufgaben und Verpflichtungen mit geregelten Zuständigkeiten und klarer und konstruktiver Berichtigung. Unser Ziel ist es, den Kindern beizubringen, selbst zu denken, frei von lähmenden Gewohnheiten und äußerlichen Einflüssen, und ein großzügiges und liebendes Herz zu haben.
Was sind die wichtigsten Tugenden?
In der westlichen Welt gibt es eine 2500 Jahre alte Tradition zur Tugendlehre. Sie begann mit den frühen griechischen Philosophen, die vier zentrale Tugenden unterschieden: Klugheit, Maß, Gerechtigkeit und Stärke. Im modernen Sprachgebrauch können wir sie gesundes Urteilsvermögen, Selbstkontrolle, Respekt vor Anderen und Ausdauer nennen. Natürlich haben die Griechen diese guten Gewohnheiten nicht erfunden. Das Judentum und Christentum setzen sie in ihrer Morallehre voraus, genauso wie die großen Kulturen im Orient. Aber die Griechen, vor allem Aristoteles, waren die ersten, die diese Tugenden analysierten.
Ein wenig über den Inhalt dieser Tugenden zu wissen, ist keinesfalls versponnene akademische Spekulation. Kinder werden jede dieser vier Tugenden benötigen, um ein glückliches Leben zu führen, gelingende Beziehungen einzugehen und mit den Lasten und Schwierigkeiten fertig zu werden, die jedes Leben aufwirft. Ausgestattet mit diesem Grundgerüst, können Mutter und Vater besprechen, wie sie die Stärken und Schwächen des Kindes erfassen und ihm helfen können.
Gesundes Urteilsvermögen (Klugheit)
Das Wort Klugheit wird manchmal als Zaghaftigkeit, Unentschlossenheit und Kalkül missverstanden. Aber echte Klugheit ist eine dynamische Tugend, die es uns erlaubt, unsere Freiheit in bester Weise zu nutzen, die uns zu wahrer Selbsterfüllung führt. Eine kluge Person wird sich nicht nach illusorischen Wegen zum Glück sehnen.
Die große Herausforderung bei der Erziehung von Kindern besteht darin, ihnen einen Sinn für Eigenverantwortlichkeit zu geben und ihnen beizubringen, sich selbst zu organisieren. Wir können ihnen gar nicht genug Möglichkeiten geben, entsprechend ihrem Alter eigene Entscheidungen zu treffen.
Gesundes Urteilsvermögen ist für alle Kinder wichtig. Schon Kleinkinder können üben, gute Entscheidungen zu treffen – ob sie jetzt oder später essen, ob sie Mama bei der Hausarbeit helfen oder spielen gehen, usw. Sie treffen Entscheidungen, ohne sich dessen bewusst zu sein - mit der Hilfe ihrer Eltern. Das Besondere an der Jugendzeit ist die Erlangung der Selbständigkeit, und damit wird das gesunde Urteilsvermögen zu einem wichtigen Thema. Eltern sollten sich nicht fürchten, wenn sie bei ihrem Sohn oder ihrer Tochter eine zunehmende Unabhängigkeit feststellen. Sie sollten nicht mit Panik reagieren und Regeln aufstellen, als ob der Jugendliche noch ein Kind wäre.
In der Regel ist es viel besser, die Jugendlichen selbst entscheiden zu lassen, was sie tun wollen, es sei denn, sie geraten dabei durch ihre Unerfahrenheit in physische oder moralische Gefahr. Dann sollte man sie nicht gehen lassen und erst hinterher fragen, wie es war. Sie sollten ermutigt werden, ihre Entscheidungen ihren Werten entsprechend zu treffen, eine Grundvoraussetzung für den Seelenfrieden und ein glückliches Leben. Helfen Sie den jungen Menschen in liebevollen Gesprächen über die Gründe und Folgen seiner oder ihrer Taten nachzudenken, besonders was diese Taten für andere zu bedeuten haben.
Ein weiterer Aspekt des gesunden Urteilsvermögens besteht im Urteilen nach bestimmten Prinzipien. Viele Heranwachsende (und daher auch Erwachsene) haben keine kohärenten Prinzipien, die ihre Taten leiten. Es ist wichtig, mit Kindern, speziell mit Jugendlichen, über Ideale und Ursachen zu sprechen. Und reden sie nicht nur von ihnen. Erfolgreiche Eltern leiten ihre Kinder durch das Beispiel. Es ist eine gute Idee, sich selbst für gute Dinge einzusetzen und darüber zu Hause mit Begeisterung zu sprechen. Seien Sie ein Vorbild dafür, dass es glücklich macht, anderen zu helfen. Insbesondere Großzügigkeit lehrt man am besten durch das gute Beispiel – indem man z.B. für eine gute Sache Geld spendet, Dinge teilt, Arbeiten für ältere Familienangehörige erledigt.
Respekt vor anderen und Verantwortungsbewusstsein (Gerechtigkeit)
Wenn Kinder wirklich lernen sollen, Respekt vor anderen zu haben, müssen sie sich daran gewöhnen, sich um andere zu kümmern. Junge Menschen haben heute viele Privilegien: Unterkunft und Verpflegung, liebevolle Eltern, Bildung, ein großes Angebot an Unterhaltung, relative Bewegungsfreiheit, viele Kommunikationsmöglichkeiten, etc. Mit diesen Privilegien muss die ernsthafte Verantwortung einhergehen, sie gut zu nutzen: Arbeiten zum Wohle der Familie erledigen, sehr gut lernen, Unterhaltung mit Maß genießen und nicht als Selbstzweck, verantwortungsvoller Umgang mit Autos, vernünftiger Umgang mit dem Telefon (keine Dauergespräche zu führen) usw.
Es ist wichtig, dass die Kinder geeignete, tägliche Aufgaben zum Wohl der Familie übernehmen; und es ist notwendig, dass die Eltern überprüfen, ob die Aufgaben, denen die Kinder zugestimmt haben, erledigt worden sind. Erwarten Sie Verantwortungsbewusstsein. Ersparen Sie Ihren Kindern nicht die Konsequenzen, die sie sich selber eingebrockt haben. Sie müssen die Telefonrechnung zurückbezahlen, sich entschuldigen oder die Hausaufgaben vorzeigen. Schlagen Sie nicht die Schlachten Ihrer Kinder. Im Jugendlichenalter birgt das Leben ungeahnte Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen. Dieser Grundsatz gilt auch für die Arbeit: wenn sie es verpassen, einem Kind beizubringen, wie wichtig es ist, seine Arbeiten zu Ende zu führen, dann erwarten Sie nicht, dass es als Jugendlicher die Hausaufgaben besonders wichtig nimmt.
Wenn Ihre Kinder einmal die Welt mitgestalten sollen, werden sie ein tiefes Bewusstsein für Gerechtigkeit entwickelt haben müssen. Aber Kinder werden Zeit nur dann als Geschenk ansehen und große Dienstbereitschaft zeigen, wenn sie diese Qualitäten bei den Erwachsenen beobachtet haben, zu denen sie aufschauen.
Selbstkontrolle (Maß)
Selbstkontrolle ist eine Tugend, die sehr früh im Leben entwickelt wird. Wir leben in einer sehr konsumorientierten Gesellschaft, in der viele Menschen wirklich an die Werbesprüche glauben, wie z.B. „das brauchen Sie“ oder „verwöhnen Sie sich“. Wenn Eltern ihre Kinder nicht dazu erziehen, sich zu beherrschen und Verzicht zu üben, werden ihre Kinder unfähig sein, dem Köder des Materialismus zu widerstehen.
Eltern sollten die Entwicklung ihrer Kinder nicht dadurch verzögern, dass sie sie kindisch Verhätscheln. Sie sollten nicht sagen „es sind eben Kinder“, wenn Jugendliche, die zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen bereits die Verantwortung von Erwachsenen übernehmen, unverantwortliches Verhalten an den Tag legen. Man muss Kindern beibringen, dass Zuneigung nicht am besten durch materielle Geschenke gezeigt wird, dass Menschen wichtiger sind als Dinge, dass Angenehmes nicht teuer sein muss; und wir müssen dem Reiz von allem widerstehen, was glänzt, neu und bunt ist.
Fördern Sie eine gesunde Widerstandsfähigkeit, damit Ihr Kind eine gewisse Selbstkontrolle lernt. Es gibt Alkoholiker, die in alkoholfreien Haushalten aufgewachsen sind und Alkoholiker, deren Eltern ihnen moderate Mengen gegeben haben. Der Schlüssel des Erfolgs liegt darin, ob ein junger Mensch Selbstkontrolle gelernt hat.
Durchhaltevermögen (Stärke)
Durchhaltevermögen hat offensichtlich viel mit physischer Widerstandsfähigkeit zu tun. Aber seine Bedeutung reicht viel weiter. Mentales Durchhaltevermögen befähigt ein Kind, etwas weiterhin zu versuchen, auch wenn es viele Male misslungen ist; von vorne anzufangen, wenn es Fehler gemacht hat. Lassen Sie Ihre Kinder die Folgen ihrer Fehler selber tragen. Kinder müssen lernen, kleine Probleme selbst zu lösen, damit sie nicht untergehen, wenn es tatsächliche Probleme gibt. Ihr zukünftiges Glück wird von ihrer Fähigkeit abhängen, als Erwachsene ihre eigenen Probleme zu lösen. Es kann ein schwerwiegender Verstoß der Eltern gegen die Gerechtigkeit sein, wenn sie Dinge für ihre Kinder erledigen, die die Kinder selbst hätten tun können. Bewahren Sie Ihre Kinder nicht vor kleinen Schwierigkeiten, die sie als Kind lösen können.
Schlagen Sie nicht die Schlachten Ihrer Kinder, wenn diese sie selber schlagen können, ohne physisch oder moralisch Schaden zu nehmen. Schreiben Sie ihnen keine Entschuldigung, wenn sie die Hausaufgaben vergessen haben, nur damit sie keinen Ärger bekommen.
Wir müssen unsere Kinder vor moralischen und physischen Schäden schützen, aber wir sollten uns keine Sorgen machen, wenn die Kinder Fehler machen (vorausgesetzt es entsteht kein dauerhafter Schaden). Wir bereiten unsere Kinder darauf vor, ihr eigenes Leben zu meistern, daher brauchen sie genügend Gelegenheit, aus Fehlern zu lernen, solange sie Kinder sind. Wichtiger als Fehler zu vermeiden, ist die Aufrichtigkeit, Fehler als solche anzuerkennen; die Entschlossenheit, jeden Schaden, den sie anderen zugefügt haben, wieder gut zu machen und die Gewohnheit, aus Fehlern zu lernen. Eltern müssen auf die Aufrichtigkeit und deren liebevolle Weiterentwicklung bei ihren Kindern achten.
Jugendliche auf beständige liebevolle Beziehungen vorbereiten
Viele Eltern sind nachlässig bei der Aufgabe, mit ihren Kindern "über die Blümchen und die Bienchen" zu sprechen. Es kann sogar sein, dass sie nahezu wie gelähmt sind, wenn das Thema auf die Beziehungen zum anderen Geschlecht kommt. Aber gerade hier ist es besonders wichtig, dass die Eltern den Teenagern dabei helfen, in ihren Beziehungen gesundes Urteilsvermögen, Selbstkontrolle, Durchhaltevermögen und - was am wichtigsten ist - Respekt vor Anderen zu entwickeln. Diese Herausforderung für Heranwachsende ist eine Art Abschlussprüfung für Charakterbildung, wenn alles, was ein junger Mensch als Klein- und Schulkind gelernt hat, zur Anwendung kommt. Wenn sie ihre früheren Lektionen gut gelernt haben, ist es wahrscheinlich, dass sie die Pubertät ohne große Schwierigkeiten durchleben und reife Männer und Frauen, Väter und Mütter werden.
Jeder junge Mensch braucht eine effektive und liebevolle Erziehung zu Partnerschaft und der sexuellen Dimension des menschlichen Lebens. Die Wahrheit ist jedoch, dass die meisten Kinder dieser Generation enttäuscht sein werden von ihren Beziehungen, manche sogar auf sehr tragische Weise. Niemand ist besser dafür geeignet, diese intimen Informationen durch Wort und Tat weiterzugeben als die Eltern eines Kindes. Leider wird diese Aufgabe viel zu oft Lehrern, Freunden und dem Fernsehen überlassen.
Ermutigen Sie die Kinder, mit vielen anderen Jungen und Mädchen ihres Alters zusammen zu sein und sie kennen zu lernen. Lehren Sie sie, dass das Ziel sozialen Lebens nicht einfach darin bestehen kann, den Freund oder die Freundin zu finden mit all den emotionalen Zwängen, die eine vorzeitige Beziehung mit sich bringt. Junge Menschen müssen die guten Gründe verstehen, warum es besser ist, sich nicht schon mitten in der Teenagerzeit zu binden, trotz des ständigen negativen Beispiels in den Medien.
Jugendlichen bieten sich viele neue Herausforderungen. Es ist gut, wenn die Eltern ausführlich erklären, warum bestimmte soziale Treffpunkte, wie enthemmende Partys und Discos, es einem viel schwerer machen, Selbstdisziplin zu wahren. Erklären Sie ihnen, wie ausgelassene Zeiten, die Wochen nach einer Abschlussprüfung in der Schule etwa, junge Menschen unter ungeahnten Druck setzen und sie zu Fehlern verleiten können, die sie später bitterlich bereuen werden.

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