Serie: Wikipediamania (Teil 2)

 Wikipediamania (Teil 2)
Im ersten Teil unseres Artikels haben wir uns mit der Grundidee und den Funktionen der Wikipedia beschäftigt. Jetzt geht es um die problematischen Seiten. Dabei ist der Computerwissenschaftler Jaron Lanier einer der schärfsten Kritiker. Selbst der Mitbegründer des online-Lexikons, Larry Sanger, wendet sich von seiner Plattform ab, weil sich einige Grundprobleme nicht lösen lassen.
Gründerkritik
"Ich war immer ein großer Wikipedia-Fan und bin es noch heute", schreibt Larry Sanger auf seiner Webseite citizendium.org. "Aber ich möchte helfen, dass etwas Besseres entsteht, sofern das möglich ist." Im September 2006 stellte er auf der Konferenz "Wizards of OS 4" die neue Plattform vor. Hier sollen die Probleme der Wikipedia durch folgende Maßnahmen überwunden werden: Zwangsregistrierung für Autoren, die verstärkte Einbindung von Experten und Aufpassern, die die Einhaltung der Spielregeln überwachen. Insbesondere sollen Aufsehen erregende Fehler vermieden werden, wie es in der Wikipedia beispielsweise mit dem Journalisten John Seigenthaler geschehen ist. In einem Artikel wurde ihm eine Verwicklung in die Ermordung J.F. Kennedys unterstellt.
Grundsatzkritik
Die Möglichkeit zum leichtfertigen oder geplanten Rufmord ist auch einer der Hauptkritikpunkte des Computerwissenschaftlers Lanier. In einem Interview mit dem Spiegel sagte er: „Die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen.“
Lanier geht in seiner Kritik noch weiter. „Derzeit wird die Vorstellung immer populärer, das Kollektiv könne nicht nur Zahlenwerte wie einen Marktpreis ermitteln, sondern verfüge als eine - gern Schwarmgeist genannte - höhere Intelligenz über eigene Ideen, ja sogar über eine überlegene Meinung. Eine solche Denkweise hat in der Geschichte schon mehrfach zu sozialen und politischen Verheerungen geführt. Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig - nicht aber der einzelne Mensch.“
Wie geht es weiter?
Sanger hält das Projekt Wikipedia zwar nicht für gescheitert. Allerdings glaubt er nicht, dass die Community ihre Probleme lösen kann. "Die Community setzt ihre eigenen Regeln nicht effektiv und konsistent durch", sagt Sanger. Die Anonymität sei ein Magnet für Leute, die Ärger machen wollen.
Obwohl es so aussieht, jeder könne ganz gleichberechtigt an der Wikipedia arbeiten, gibt es eine „verborgene“ Community, die sich abschottet. Neue Mitglieder hätten es deshalb schwer, so Sanger, Teil der Community zu werden, unabhängig von ihren Fähigkeiten. Er beklagt: "Die schlecht funktionierende Community schreckt die potentiell nützlichsten Mitglieder ab: Akademiker." In der "Financial Times" sagte er: "Die letzten Artikel repräsentieren keinen Konsens mehr." Tendenziell gäben sie die Meinung jener wieder, die besonders hartnäckig Texte editieren.
Für und Wider
Die Wikipedia hat klar ihre Stärken, wo es um Fakten geht: Technik, EDV, vielleicht noch Geographie. In allen anderen Bereichen, vor allem bei politischen, philosophischen und religiösen Themen geraten die Ansichten der anonymen Autoren auseinander und aneinander. Zudem prägen diejenigen die Artikeltendenz, die sich mit der Technik des Artikelschreibens auskennen und die die entsprechende Zeit aufbringen können, permanent am Wiki zu arbeiten. Experten, insbesondere Wissenschaftler werden sich das nicht leisten können.
Schüler, lest Bücher!
Die Wikipedia kann insbesondere Schüler dazu verführen, sich bestimmte Wissensgebiete nicht mehr Stück für Stück zu erschließen, sondern gleich zum fertigen Ergebnis und zum Kopieren/Einsetzen über zu gehen. Warum sollte man in einem Referat das Rad noch einmal neu erfinden ...? Weil man Dinge nur dann wirklich lernt, wenn man sie selber durchgeht, kann solches Abkupfern in eine Sackgasse führen.
Deshalb rät der renommierte Medienwissenschaftler Norbert Bolz den Jugendlichen: „Lest Bücher, sonst gehört ihr zu den Losern!“. Der Grund ist klar: in einem Buch geht man den mühevollen Weg der Argumententwicklung bis zum Ergebnis mit, bedenkt Alternativen und kann überlegen, warum der Autor so und nicht anders vorgeht. Man lernt eben denken!
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Links
>Spiegel: Wikipedia plant 2-Klassen-Gesellschaft
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