ADHS - Die neue Psycho-Epidemie?

ADHS - Die neue Psycho-Epidemie?
Es gibt eine neue Epidemie in Deutschland, die vor allem an Schulen und in Familien für große Aufregung sorgt. Wie viele Jungen und Mädchen davon betroffen sind, ist nicht ganz klar. Experten schätzen, dass etwa 2-10 % aller Heranwachsenden am so genannten „Aufmerksamkeits-Defizit / Hyperaktivitäts-Syndrom“ (ADHS) leiden und mit ihnen ihre Umwelt.
URL: www.info-adhs.de
Anbieter: Anbieter: „Lilly“ Pharma Holding GmbH, Bad Homburg
Zielgruppe: Alle ADHS-Betroffenen
Seitentyp: Informationsportal
Besucherhäufigkeit: k.A.
Datum der Rezension: 12/2006
Aktualisierung: mehrmals wöchentlich
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Die Seite ist für alle Betroffenen zu empfehlen.
5 von 6 Punkten

Psychoepedemie?
Rund eine halbe Million Kinder unter 12 Jahren müssen mit dieser Störung leben, so schätzt der erfahrene psychologische Psychotherapeut Dr. (phil.) Georg Wolff auf seiner Homepage. Bei der älteren Generation tritt das Syndrom eher selten auf: nur bei etwa einem Prozent der über 20-Jährigen. Droht uns die erste große Psycho-Epidemie?
Lilly
Dass der Bedarf an wirksamen Medikamenten groß ist, beweist die jüngste Initiative eines der größten und profitabelsten amerikanischen Pharma-Unternehmen mit dem klangvollen Namen „Lilly“ (www.lilly.com). Die Produktpalette des Konzerns weist vor allem Medikamente gegen Diabetes und Depressionen auf. Der große Wurf könnte dem Unternehmen nun zum einen mit einem Mittel gegen Parkinson (Parkotil) gelingen; zum anderen mit einem neu entwickelten Produkt zur Behandlung von ADHS (Strattera).
Zur besseren Vermarktung des Produkts hat „Lilly“ eine bunte Webseite entworfen, deren Erstzweck die Bereitstellung von offenbar recht verlässlichen Informationen für betroffene Kinder und Eltern ist. Die Seite ist übersichtlich aufgebaut und liefert in ansprechender Form lesenswerte Beiträge zu Beginn, Verlauf und Häufigkeit der Krankheit, zu Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten. Auch die gut sortierten Links machen einen guten Eindruck. Praktisch ist zudem die Suchfunktion, mit der man Spezialisten in der eigenen Stadt ausfindig machen kann. Dass das Unternehmen nur sehr dezent auf den eigenen Namen aufmerksam macht, fällt positiv auf und lässt das Internet-Angebot sehr seriös erscheinen.
Diagnose über ein online-Spiel?
Nicht sonderlich hilfreich ist ein groß angekündigtes Online-Spiel, das zunächst den Eindruck erweckt, als helfe es bei der Diagnose von ADHS. Doch letzten Endes ist nur ein etwas verwirrendes „Memory“ das beim Aufdecken der passenden Kartenpaare einen Infotext öffnet, der auf der Webseite sonst auch zu finden ist. Wieso so umständlich? Der integrierte Fragebogen ist ein Witz und nicht brauchbar. Er kann auch aufgerufen werden, ohne dass man das Spiel zu Ende bringt.
Abgesehen von diesem unbrauchbaren Spielchen macht die Seite einen sehr guten Gesamteindruck und kann betroffenen Eltern und ggf. auch Lehrern wertvolle Hinweise geben, die den Umgang mit der Krankheit erleichtern.
Auf die generelle Problematik im Zusammenhang mit medikamentöser Behandlung der Störung wird an anderer Stelle aufmerksam gemacht. Denn in den letzten Jahren ist die medikamentöse ADHS-Therapie bei Kindern in Deutschland sprunghaft angestiegen. Das wirft Fragen auf. Sind die Kinder wirklich alle krank? Wieso tritt die Krankheit plötzlich so häufig auf? Gibt es verlässliche, einheitliche Diagnosemethoden? Haben die Symptome vielleicht andere Ursachen?
Gefahr der Abhängigkeit
Diese skeptischen Stimmen verklingen nicht ungehört. Denn man muss sich stets vor Augen halten, dass ein Kind, das schon in jungen Jahren mit Medikamenten dieser Art behandelt wird (es handelt sich dabei schließlich um Psychopharmaka, die auch bei Depressionen und anderen Persönlichkeitsstörungen eingesetzt werden), auch schnell von diesen abhängig werden kann. Zudem besteht immer die Gefahr des Missbrauchs von Seiten der Eltern oder anderen Erziehungsberechtigten. Nur allzu schnell gerät man in die Versuchung, die vermeintlich einfachere Lösung vorzuziehen, sprich Medikamente einzusetzen, auch wenn gar nicht klar ist, wo die Probleme des Kindes tatsächlich liegen.
Was steckt hinter ADHS
Dieser Eindruck wird durch einige Hinweise auf der Seite info-adhs.de verstärkt. Denn schaut man sich die „Erziehungstipps“ für Eltern mit ADHS-Kindern an, so wundert man sich ein wenig. Die Fachleute raten den Eltern, klare Regeln aufzustellen, eine positive Beziehung zum Kind zu pflegen, konsequent zu sein, auch mal zu loben usw. Das sind Tipps für Eltern mit „kranken“ Kindern? Jedenfalls besteht die Gefahr, dass Erziehungsfehler und die daraus resultierenden Auffälligkeiten und Störungen beim Nachwuchs fälschlicherweise als Krankheitssymptome diagnostiziert werden. Eine vernünftige und klare ggf. „strenge“ Erziehung wirkt mitunter besser als Medikamente. Die Ursachen liegen nicht so häufig beim Kind als in dessen Umgebung. Ist es nicht doch so, dass ADHS vor allem in Gesellschaften auftritt, die erziehungsängstlich geworden sind?

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Kommentare

Es schreibt Dr.med. Kerstin Steiner

Mir scheint, Herr Mellein hat seinen Beitrag, der - von der Einordnung in die Rubrik Rezensionen von erziehungstrends aus gesehen – eine gewöhnliche web-site Kritik sein sollte, als Rundumschlag gegen die medikamentöse Behandlung von ADHS, ja sogar gegen den Verdacht auf das Vorliegen dieses Syndroms missbraucht.
Die etwas ins Lächerliche ziehende Überschrift „neue Psycho-Epidemie“ verrät gleich das Anliegen des Artikels.
Und ein kleines bisschen scheint der Autor der tatsächlich weltweit sehr renommierten Firma Lilly nicht den möglichen Profit zu gönnen...Backt der Bäcker in seiner Strasse denn die Brötchen nur gegen den Hunger in der Welt, oder kassiert er etwa 20ct pro Stück?!? Soll man ein neues womöglich besseres Medikament nicht bekannt machen? Wir Ärzte sind dankbar für jede Möglichkeit einer Therapieverbesserung, die ein neues Medikament verspricht (z.B. weniger Nebenwirkungen, günstigerer Preis, andere Wirkdauer...).
Die tatsächlich vielen von ADHS Betroffenen (sicher nicht 20% der Kinder) und ihre mit leidenden Angehörigen wissen, dass sie nicht an einer ansteckenden, sondern einer genetisch mit bedingten Erkrankung leiden, die man leider(?) nicht durch strenge Erziehung heilen kann.
Zur Zeit des Zappelphilipp-Buches war sie kaum erforscht (wie z.B. Autismus vor 30 Jahren auch nicht). Psychologen berichten, dass oft Eltern, die ihre Kinder zur ADHS-Diagnostik begleiten, sich schließlich nicht ohne Erleichterung selbst als ADHS-Kinder erkennen und Hoffnung schöpfen, ihre doch relativ häufig bis ins Erwachsenenalter persistierenden Symptome psychotherapeutisch und eventuell auch medikamentös behandeln und dadurch bessern zu lassen.
Natürlich brauchen alle Kinder eine konsequente Erziehung, aber keine strenge im Sinne von Härte, wie es mir aus Herrn Melleins Artikel heraus zu tönen scheint, und psychisch kranke Kinder –wie auf der Lilly-Webseite nachzulesen – brauchen besonders eine konsequent positive Erziehung, sonst werden sie nämlich auf Dauer depressiv (was bei nicht wenigen Erwachsenen mit unerkanntem ADHS der Fall ist).
Und natürlich gibt es auch hier einen „Diagnosen Missbrauch“ vor allem bei Eltern von lästigen, da egoistisch erzogenen Kindern. Dabei soll die Diagnose dem Kind vor allem in Bezug auf die (armen) Lehrer einen Freiraum garantieren und die Eltern exkulpieren.
Deshalb ist - wie ebenfalls bei Lilly nachzulesen – die sorgfältige Diagnosestellung durch den Spezialisten (Arzt oder Psychologe) eminent wichtig.
Erwähnt werden muss noch, dass Psychopharmaka nicht eo ipso abhängig machen und dass es auf der Lilly-Webseite zum Thema Behandlung wörtlich heißt: “denn nicht für jedes Kind ist eine medikamentöse Behandlung erforderlich“.
Vielleicht könnte das Thema ADHS einmal bei erziehungstrends von kompetenter Seite her vorgestellt werden, falls nach dem Studium der Lilly-Seiten hierfür überhaupt noch Bedarf besteht.
Immerhin gibt Herr Mellein der Webseite – beim Lesen verliert man das fast ganz aus den Augen – 5 von möglichen 6 Bewertungspluspunkten. Wollen wir nicht streiten, ob es nicht auch 6 hätten sein können...