Licht und Schatten in Japans Bildungswesen

Japan genießt international als Hochtechnologie-Nation und zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt zu Recht höchstes Ansehen. Fast noch mehr Bewunderung verdienen der wahrhaft vorbildliche soziale Friede im Lande, die unter Industrieländern einzigartige innere Sicherheit, die große Disziplin der Japaner und nicht zuletzt ihre unerschütterliche Freundlichkeit. Dennoch hat das japanische Bildungssystem Schattenseiten, die in jüngster Zeit mehr als zuvor ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurden und die es zu beachten gilt, wenn wir von Japan lernen wollen: Ein gnadenloses System der Auslese führt zu Verlust an Kindheit und trägt zu einer hohen Selbstmordrate unter Schülern bei.
Das japanische Bildungssystem ist sehr streng und ganz auf massive Wissensvermittlung angelegt.
Prüfungsstresss von der Wiege an...
Prüfungen sind bereits für die Aufnahme in einen anerkannten, d.h. "karrierefördernden" Kindergarten zu absolvieren. Der Prüfungsstress setzt sich fort mit Aufnahmeprüfungen für Grund-, Mittel- und Oberschulen bis hin zur gnadenlosen Auswahlprüfung für die prestigeträchtigsten Universitäten. Um die Aufnahmeprüfung für eine "gute" Universität zu schaffen, ist der vorherige Besuch einer "besonders guten" Schule unabdingbar.
Japans Schüler sind daher schon von Jugend an einem enormen Erfolgsdruck ausgesetzt. Der Wettbewerb an den Schulen ist extrem hart. Die Mehrzahl der Schüler besucht in der "Freizeit" private Paukschulen (gen. "Juku"), die der Prüfungsvorbereitung dienen - das ist Standard auch und gerade für "gute Schüler".
Es ist klar, dass nicht alle Kinder diesem Druck gewachsen sind. Schätzungsweise ein Viertel bis ein Drittel der Schüler bleibt leistungsmäßig auf der Strecke. Da das japanische Bildungssystem aber ein Schulversagen nicht vorsieht, werden sie weiter weitgehend unterschiedslos im allgemeinen Schulwesen "mitgezogen". Sehr viel Hilfe erfahren sie nicht; Scham und Angst sind tägliche Gefühle für sie, wenn sie in die Schule gehen. Die häufige (und für alle Schüler sichtbare) Teilung in Erfolgreiche und "Verlierer" führt zu sozialen und psychologischen Spannungen, die das gefürchtete "Mobbing" (auf Japanisch "Ijime") verstärken. Da kein Schüler "von der Schule fliegen" kann, haben die Lehrer kaum Möglichkeiten, sich gegen die kleine, aber penetrante Gruppe frustrierter und agressiver Schüler durchzusetzen - dieser Teil schikaniert entsprechend die anderen.
...bis zur Bahre: Selbstmordwelle unter Schülern
Es darf nicht verwundern, dass es eine entsprechend hohe Inzidenz von Schülerselbstmorden in Japan gibt, das ohnehin eine hohe Selbstmordrate hat. Nach einer OECD-Statistik von 2005 weist Japan mit 28,2 Selbstmorden pro 100.000 Personen eine erschreckend hohe Rate auf.
Die japanische Öffentlichkeit wurde in den letzten Monaten durch einige spektakuläre Fälle aufgeschreckt, die den Weg in die Medien fanden. Eine 14jährige Schülerin nahm sich Ende Oktober 2006 das Leben. In einem Abschiedsbrief erklärte sie, dass sie es bedauere, anderen zur Last gefallen zu sein, und keine Kraft
mehr habe, sich weiter zu quälen. Das Mädchen war vor allem im Sportunterricht von ihren Mitschülerinnen ständig verspottet worden. Ein 13jähriger Schüler beging Selbstmord, nachdem er sich zuvor lange Zeit erfolglos über das Mobbing seiner Klassenkameraden und sogar seines Lehrers beklagt hatte.
Am 6. November 2006 berichtete die Presse von einem Schüler, der sich wegen Mobbings schriftlich an den Bildungsminister gewandt und um Hilfe gebeten habe, verbunden mit einer Selbstmorddrohung.
Eine neu gegründete Kommission für Bildungsfragen befasst sich seither verstärkt mit Maßnahmen gegen das Mobbing an Schulen.
"Mogelnde" Schulen
Der extreme Leistungsdruck und der scharfe Wettbewerb zwischen Schulen führte auch zu anderen Fehlentwicklungen. Hunderte öffentliche und private Oberschulen boten über mehrere Jahre hinweg nicht den geforderten Pflichtkanon an Unterrichtsstunden. So erleichterten sie zwar ihren dankbaren Schülern den Aufstieg in die höheren Bildungsinstitute, indem sie sich ganz auf prüfungsrelevante Fächer konzentrierten (nicht alle Pflichtfächer gehören dazu). Aber es entstand natürlich eine starke Ungleichbehandlung der Schüler, die brav den ganzen Fächerkanon büffeln mussten. Nach Bekanntwerden des Skandals wurde vom Bildungsministerium im November 2006 ein Sofort-Programm aufgestellt, das die Schulen verpflichtet, die ausgefallenen Stunden zu einem Großteil bis März 2007 nachzuholen.
Novellierung des Bildungs-Rahmengesetzes
Eine seit langem in Vorbereitung befindliche Novelle des Bildungs-Rahmengesetzes wurde noch in der letzten Sitzungswoche des Parlaments vor Jahresende 2006 verabschiedet. Dabei standen aber weniger die o.g. Probleme im Mittelpunkt, als vielmehr das Bemühen, die internationale Position Japans als Wissens- und Hochtechnologie-Gesellschaft gegen drohende Erosion zu schützen. Zudem soll das Erziehungsziel "Liebe zum Vaterland" stärker berücksichtigt werden. Dieser letztgenannte Aspekt war und ist in der japanischen Öffentlichkeit stark umstritten.
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