Auf der Suche nach der wahren Liebe

Auf der Suche nach der wahren Liebe
Platon meinte, dass die Liebe im Grunde ein Gefühlsimpuls sei. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass eine Liebe, die nur auf dem Gefühl basiert, keine wahre Liebe ist, denn das gegenseitige Begehren verfliegt, wenn es nicht ständig neue Nahrung erhält. Wenn man die Person des Lebens trifft, für die man bereit ist, sein Leben hinzugeben, und mit ihr sein gesamtes Leben teilen möchte, dann steht man vor der wahren Liebe. Aber wie weiß man, dass er oder sie es ist?
Juan Pérez Soba ist Direktor des Masterprogramms „Psychologie und Wissenschaft der Familie“, Päpstliches Institut Johannes Paul II., Rom.

Es gibt diese Liebe auf den ersten Blick. Diese gegenseitige Anziehung ist wichtig. Die Schmetterlinge im Bauch und die immer nur um den Einen oder die Eine kreisenden Gedanken; die Tage, an denen man nichts hinunter bringt, oder an denen man sich selbst zum Gespött der Freunde macht – all das gehört dazu, wenn sich zwei Menschen verlieben. Dann befinden wir uns in der ersten Phase der Liebe: der Verliebtheit oder der romantischen Liebe. Von Liebe sprechen wir per definitionem nur bei Personen. Nach dieser Definition gehört zur Liebe immer der Austausch zwischen zwei Personen – die interpersonale Liebe. Man spricht auch von der sinnlichen (affektiven) Gemeinschaft der Liebe. Die Dynamik der Liebe besteht aber aus zwei Bereichen: der sinnlichen und der willentlichen (effektiven) Gemeinschaft.
Die sinnliche Gemeinschaft der Liebe dürfen wir nicht auf die Ebene unserer fünf Sinne beschränken, denn dann würde Liebe etwas Unvernünftiges darstellen. Verliebt zu sein heißt mehr als „sich gut fühlen“, weil wir verliebt sind. Jemanden zu lieben heißt, in allem das Gute für den Geliebten zu wollen und im Geliebten das Gute zu sehen.
Wahre Liebe
Liebe zeigt sich immer durch Taten. Die romantische Liebe drückt sich in verliebten Blicken, im Zulächeln, in zärtlichen Worten und liebevollen Gesten aus. Dies wird überhaupt erst durch die Freiheit der Person ermöglicht, die sich frei für ein bestimmtes Gegenüber in Liebe entscheiden kann. Aber was suchen wir – und besonders Jugendliche – nach dieser ersten Phase der Liebe, nach dieser ersten Begegnung mit dem, den man zu lieben meint? Das ist die große Frage, die sich ein Jugendlicher stellen muss.
Jungen – mehr als Mädchen – denken oft: „Meinen Begierden nachgeben und schnell mit ihr ins Bett, das ist, was ich will!“ Andere denken jedoch: „Ich will sie/ihn näher kennen lernen, mehr von ihr/ihm wissen, ich möchte die Person hinter der Fassade besser kennen lernen.“ Damit die Liebe wahrhaftig wird, braucht es eine gewisse Harmonie mit der geliebten Person, aber vor allem mit der eigenen Person. Der Prozess läuft wie folgt ab: Man lernt jemanden kennen, weil man seine fünf Sinne eingeschaltet hat. Als nächstes gibt es einen Austausch und eine Übereinstimmung von Ideen und Meinungen, danach suchen die Gefühle der beiden ihre Intimität (ohne dabei schon auf körperliche Intimität aus zu sein), und zuletzt lernt man sich schätzen, die gemeinsamen Werte suchen und finden, die in der inneren Welt jedes Einzelnen bestehen.
Die Freiheit gebrauchen
Das Geschenk der Liebe kann man nur in Freiheit geben und in Freiheit empfangen. Lieben ist immer ein Akt der Freiheit. Liebe entsteht nicht in Unterwerfung; die Hingabe in der Liebe macht ja gerade die Ausübung unserer Freiheit möglich, die uns dazu führt, beschützt, vereint, geliebt zu sein. Der Grund dieser Hingabe ist aber immer die Liebe. Ein anderer Grund würde unsere Hingabe in ein Geschäft oder in Sklaverei verwandeln. Der Empfänger unserer Hingabe kann daher nur eine andere Person sein, die fähig ist, unsere Hingabe aufzunehmen und sie zu erwidern. Denn die Liebe schließt die Erwiderung der Liebe mit ein. Liebe, die auf Desinteresse stößt, vergeht schnell. Die Liebe bietet sich an, um empfangen und zurückgegeben zu werden.
Vom Verlieben zur wahren Liebe
Man kann vier Phasen unterscheiden. Jede dieser Phasen nimmt die Person auf ihre Weise in Beschlag:
Phase 1: Die Verwandlung oder die romantische Liebe
Das ist die charakteristische Verwandlung, die jeder Verliebte durchmacht. Sie ist von Gefühlen geprägt. Die Verliebtheit in dieser Phase besteht letztendlich in nichts anderem als dem Angezogensein, der Attraktivität einer bestimmten Person. Da es sich dabei um die erste sinnliche Gemeinschaft handelt, erlebt man darin völlig neue Gefühle: „Ich kann nicht mehr essen, ich kann nicht mehr lernen, ich bin so verliebt!“
In diesem Stadium stellt sich eine große Zufriedenheit ein; jedoch ist dies der Moment, in dem die Liebe am wenigsten Freiheit genießt. Die Verliebtheit passiert einem – ohne etwas dagegen tun zu können. Man tritt in eine Traumwelt ein, die einen komplett gefangen nimmt. „Sie ist so wunderbar, ist sterbe für sie, ich möchte nur noch mit ihr zusammen sein.“ Diese Verwandlung geht von unseren äußeren Sinnen aus, besonders dem Sehen, dem optischen Sinn. Auch unsere inneren Sinne, z.B. unser Erinnerungsvermögen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Diese Empfindungen werden für das wahre Leben gehalten und man glaubt, ohne den Geliebten nicht mehr leben zu können; jede Trennung erzeugt fast körperliche Schmerzen, und jeder Moment des Zusammenseins will auf die Ewigkeit ausgedehnt werden.
Heutzutage meinen viele, in dieser ersten Phase der romantischen Liebe bereits die wahre Liebe entdeckt zu haben: Liebe als ein Moment des körperlichen Hochgefühls, oft des sexuellen Höhepunktes. Dann wird aus der Verliebtheit eine Form materialistischer Liebe. Aber wenn sich die romantische Liebe nur auf diese Gefühle reduziert, wird sie zu einem Besitzstand (Beherrschung des anderen, sexuelle Erfahrung, etc.) an Stelle des großen Lebensversprechens (der Hingabe der ganzen Person). Sowohl im Liebenden als auch im Geliebten bleibt eine Leere zurück, ohne Perspektive und vor allem ohne die Erfüllung des gesuchten Glücks. Die Momente des Hochgefühls vergehen, und ein Leben, das auf einem gegenseitigen Austausch beruht, ergibt sich nicht.
Die Vorgänge bei der romantischen Liebe zeichnen sich nicht durch große Freiheit oder innere Befreiung aus. Jede sinnliche Entwicklung, die nur darauf aus ist, die Begierde zu stillen – nur auf der Ebene des Körpers –, ist daher mittelfristig zum Scheitern verurteilt. Wenn wir nur die sexuelle Erfüllung suchen, zerstören wir die sinnliche Gemeinschaft, die auf allen Ebenen des Menschen besteht. Die sexuelle Begierde und Lusterfüllung findet ihre vollste Erfüllung erst dann, wenn sie auch von einer totalen Hingabe – psychisch, emotional und personal
– getragen ist.
Phase 2: Die Bestätigung oder das Kennenlernen über die Sinne
Dieser Moment übersteigt den ersten „Eindruck“. Im Kennenlernen entsteht erst die eigentliche Liebe. Solange man sich nicht kennt, gibt es keine Liebe, sondern nur impulsive Verliebtheit. Ab diesem Moment entspannt sich ein Dialog der Sinne. Man entdeckt die vorhandene Harmonie der Personen und kommt zu dem Schluss: „Es ist gut, dass es dich gibt“. Auf diesem Niveau des Verliebtseins kommen auch die inneren Sinne verstärkt zum Tragen: die Vorstellungskraft, die uns dazu anhält, Pläne für die gemeinsame Zukunft zu schmieden. Sie führt uns zu einer Vertiefung der Harmonie mit dem geliebten Gegenüber. Dieser Zustand ist jedoch weit entfernt von der oft zitierten „platonischen Liebe“. Diese stellt uns ein unerreichbares Ideal der sinnlichen Liebe dar, die die Liebe selbst sucht, und den Geliebten als Mittel dazu benutzt. Dieser Form der Liebe fehlt aber die sinnliche Gemeinschaft, die ja den Grund unserer Liebe darstellt. Es fehlt die wirkliche Kenntnis der anderen Person, die uns erlaubt, unser Leben mit ihr zu teilen.
Phase 3: Der Entschluss – die Auswahl
Nach den vorher beschriebenen Phasen kommt schließlich der Augenblick der Annahme des Geschenks, mein Leben mit dir teilen zu wollen, nicht nur mit dir, sondern für dich zu leben. Man schreitet vom Herzen, das seinen Platz in der Liebe behalten muss, hin zur Vernunft und zum Willen.
Die letzten beiden Stadien der Verliebtheit wollen sich hingeben. Das höchste Niveau der Freundschaft wird dabei gesucht. Es geht dabei nicht um die Projektion des eigenen Ichs in den Anderen, sondern darum, durch das gegenseitige Annehmen die Welt aus einer gemeinsamen Perspektive zu sehen.
Phase 4: Die freie und liebevolle Hingabe an den anderen
Die Freiheit, sich hinzugeben, ist tiefer als die Freiheit auszuwählen. Es ist nicht das gleiche, einander auszuprobieren oder sich gegenseitig hinzugeben. Daher haben auch die heutzutage allgemein praktizierten vorehelichen Beziehungen die Ehen nicht stabiler gemacht, wie die Statistiken zeigen. Die gegenseitige Hingabe beschränkt sich aber nicht auf die beiden Liebenden, sondern ist offen, ein weiteres Geschenk (Kinder) zu empfangen, um sich erneut auch den Kindern in Liebe hinzugeben.
Denn das ist das Ziel jeder Hingabe, ja dadurch wird die Hingabe im Sinnlichen weit übertroffen: Durch die Hingabe der eigenen Person und der daraus entstehenden Fruchtbarkeit. „Es zahlt sich aus, dieses Leben mit dir zu verbringen. Es ist der Mühe wert, dieses Leben für dich zu leben.“ Das ist die effektive Hingabe (die wirkliche Freiheit darstellt), das Herausgehen aus dem eigenen Selbst (das ist keine Sklaverei). Es ist ein Versprechen für die Zukunft. Für Gläubige der verschiedensten Konfessionen stellt dieses Versprechen eine Handlung dar, die durch den Ritus der Hochzeit geheiligt wird. In der katholischen Religion besteht das Ziel im Sakrament der Ehe gerade darin, die Freiheit der Brautleute auszukosten und ihre Hingabe zu vollenden – in physischer und körperlicher, wie auch in sinnlicher und psychologischer Weise –, so wie es auch Christus für uns getan hat. Wenn es uns gelingt, all diese Schritte zu durchlaufen, dann haben wir mit praktisch 100%iger Sicherheit unsere wahre Liebe gefunden.
Zum Überlegen ...
Die wahre Liebe ist eine Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruht. Die gegenseitige Liebe erreicht man nur, indem man an das Gute für den anderen denkt, nicht durch die Durchsetzung eigener Ideen. Um dorthin zu gelangen, muss man den anderen kennen. Wenn Jugendliche verliebt sind, muss dies thematisiert werden – mit den Jugendlichen, aber vor allem unter den Jugendlichen selbst. Man muss über die Gegenseitigkeit der Liebe sprechen, über die gegenseitige Ergänzung, und wie man sich das im Zusammenleben vorstellt.
Man muss daran glauben – obwohl dies in unserer Gesellschaft nicht oft der Fall ist –, dass man mit ein und derselben Person sein ganzes Leben verbringen kann. Man darf nicht meinen, dass die Liebe einfach irgendwann verschwindet. Die Liebe ist darauf aus, immer stärker zu werden, wenn wir täglich die gegenseitige Hingabe in gegenseitiger Ergänzung und in vollster Freiheit leben. Dann bauen wir unser gemeinsames Glück auf.
Wenn Jugendliche die Pubertät hinter sich lassen, reift die Persönlichkeit. Und Reife ist die Grundlage für liebevolle und stabile Beziehungen. Mit wem will ich mein Glück suchen? Um dies beantworten zu können, muss man über die Phase der romantischen Liebe hinausgehen. Die Liebe wird intensiver sein, wenn wir ernsthaft an die Liebe herangehen und bereit sind, uns damit auseinanderzusetzen.
Manchmal stellt sich die „romantische Liebe“ auch erst nach dem näheren Kennenlernen einer Person ein. Dies merkt man daran, dass man beginnt, jemanden zu vermissen.
Jemanden zu kennen heißt, seine Ideen zu kennen, seine Vorstellungen, Projekte, Zukunftspläne. Wenn wir die wahre Liebe suchen und finden wollen, müssen unsere Gefühle und Impulse mit unserer Kommunikation über die Sinne in Einklang stehen. Das Gespräch ist dafür die Voraussetzung. Sprechen wir viel! Vor allem bevor wir uns entschließen, mit dieser oder jener Person unser Leben für immer zu teilen.

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