Die Gender-Ideologie (Teil 1)

Das 2004 erschienene Dokument der Glaubenskongregation über die Zusammenarbeit von Männern und Frauen beginnt mit einer kurzen Diskussion über solche Denkströmungen, „deren Ideen oft nicht mit den genuinen Zielsetzungen der Förderung der Frau übereinstimmen“. Lesen Sie den Ersten Teil einer 3-teiligen Serie (von Dale OLeary, DT vom 09.04.2005)
In den letzten fünfzig Jahren hat die Gesellschaft intensiv darüber nachgedacht, wie die fundamentale Gleichheit von Mann und Frau mit ihrer nicht zu leugnenden biologischen Verschiedenheit in Einklang gebracht werden kann. Während der sechziger Jahre haben Frauen gegen Gesetze und Gesellschaftsformen protestiert, die eine unterschiedliche Behandlung für Frauen vorsahen. Die Regierungen reagierten mit Gesetzesverordnungen, die den Frauen gleiche Rechte vor dem Gesetz, gleichen Zugang zu Bildungseinrichtungen und gleiche wirtschaftliche Aufstiegschancen garantierten. Die Frauen haben diese Chancen rasch zu nutzen gewusst. Die Anzahl von Frauen an höheren Bildungseinrichtungen hat genauso zugenommen wie die Anzahl der Frauen im Berufsleben oder in Regierungspositionen.
In den siebziger Jahren wurde die Frauenbewegung, die sich für diese Veränderungen eingesetzt hatte, von Radikalen vereinnahmt, die Frauen als Prototyp der unterdrückten Klasse ansahen und Ehe sowie „erzwungene Heterosexualität“ als Unterdrückungsmechanismen ansahen. Diese Denkströmung nahm auf Friedrich Engels Analyse über den Ursprung der Familie Bezug. 1884 hatte Engels geschrieben: „Der erste Klassenunterschied in der Geschichte war die Entwicklung des Unterschiedes zwischen Mann und Frau in der monogamen Ehe und die erste Klassenunterdrückung diejenige des weiblichen durch das männliche Geschlecht.“
Shulamith Firestone hat in ihrem 1970 erschienenen Buch „The Dialectic of Sex“ Engels Klassenkampfanalyse modifiziert und zu einer Revolution der sexuellen Klassen aufgerufen: „Um die Abschaffung der sexuellen Klassen zu gewährleisten, ist der Aufstand der unterdrückten Klasse (Frauen) erforderlich. Sie muss die Kontrolle über die Fortpflanzung übernehmen: ...das Endziel der feministischen Revolution ist nicht, wie bei der ersten Frauenbewegung, die Abschaffung männlicher Privilegien, sondern die Abschaffung der geschlechtlichen Unterscheidung; die geschlechtlichen Unterschiede der Menschen würden so ihre Bedeutung verlieren.“
Nach Ansicht von Firestone ist „das Ge-bären und Aufziehen von Kindern das Kernproblem der Unterdrückung der Frau“. Die Befürworter dieser Denkweise betrachten das freie Recht auf Abtreibung, Verhütung, totale sexuelle Freiheit, Frauen in der Arbeitswelt und Kinder in von der Regierung unterstützten Tagesstätten als notwendige Bedingungen für die Befreiung der Frau.
Nancy Chodorow hat in dem Buch „The Reproduction of Mothering“ (1978) die Meinung vertreten, dass, solange die Frau vorrangig für die Versorgung der Kinder zuständig sei, die Kinder mit der Ansicht aufwachsen würden, die Menschheit sei in zwei verschiedene und – nach Chodorow – ungleiche Klassen eingeteilt. Das sei der Grund für das Akzeptieren der „Klassen“unterdrückung.
Alison Jagger hat 1977 in einem Lehrbuch für das Studium der Frauenfrage das erwünschte Ergebnis der sexuellen Revolution dargelegt: „Das Ende der biologischen Familie wird auch das Bedürfnis nach sexueller Unterdrückung beseitigen. Männliche Homosexualität, Lesbianismus und außerehelicher Geschlechtsverkehr werden nicht mehr auf liberale Weise als alternative Möglichkeiten angesehen werden... die ,Institution des Geschlechtsverkehrs‘ selbst, in dem Mann und Frau eine genau bestimmte Rolle spielen, wird verschwinden. Die Menschheit könnte endlich zu einer natürlichen, polymorph perversen Sexualität zurückkehren.“
Ein Frontalangriff auf die Familie war riskant. Christine Riddiough war der Ansicht: „Eine Schwulen/Lesben-Kultur kann auch als subversive Kraft zur Herausforderung einer Vorrangstellung der Familie angesehen werden. Das kann jedoch auf eine Weise geschehen, dass die Menschen nicht das Gefühl haben, dies stehe im Gegensatz zur Familie per se... Damit der subversive Charakter der Schwulenkultur effektiv eingesetzt werden kann, müssen wir eine alternative Sicht menschlicher Beziehungen anbieten.“
Wie man die sexuellen „Klassen“ abschaffen wollte
Das Problem derjenigen, die eine Revolution gegen die Familie schürten, war, wie sie die sexuellen Klassen abschaffen könnten, die in der biologischen Verschiedenheit von Mann und Frau ihren Ursprung haben. Die Arbeit von John Money von der John Hopkins Universität in Baltimore in den Vereinigten Staaten bot eine Lösung an. Seit den fünfziger Jahren war das Wort „gender“ ein grammatischer Begriff, der angab, ob Worte Maskulinum, Femininum oder Neutrum waren. Money benutzte das Wort in einem neuen Zusammenhang. Er prägte den Begriff „Gender-Identität“, um zu beschreiben, dass eine Person sich selbst als männlich oder weiblich empfindet. Nach Ansicht von Money hing die Gender-Identität einer Person davon ab, wie sie als Kind erzogen wurde. Auch war er der Meinung, dass diese von ihrem biologischen Geschlecht abweichen könnte. Money glaubte, dass es möglich sei, das Geschlecht einer Person zu verändern, und dass Kinder, die nicht mit eindeutigen Geschlechtsorganen geboren werden, chirurgisch verändert und einem anderen als ihrem genetischen Geschlecht zugeordnet werden könnten.
Moneys Theorien übten großen Einfluss aus, und 1972 legte er den offensichtlich entscheidenden Beweis dafür vor, dass die Gender-Identität auf der Erziehung beruhte. In seinem Buch „Man & Woman, Boy & Girl“ (1972) berichtete Money über den Fall eines eineiigen Zwillings, dessen Penis bei einer Beschneidung verletzt worden war. Die Eltern des Jungen brachten ihr Baby zu Money, der ihnen riet, es kastrieren zu lassen und als Mädchen aufzuziehen. Dadurch, dass das Baby einen eineiigen Zwilling hatte, konnte Money einen Vergleich zwischen dem Zwilling, der als Junge aufgezogen wurde, und demjenigen, der als Mädchen aufgezogen wurde, anstellen. Money berichtete über den Erfolg der Geschlechtsumwandlung und wie der Junge erfolgreich eine weibliche Identität angenommen habe. Der Fall schien den Punkt „Natur gegen Erziehung“ zugunsten der Erziehung zu lösen.
Bereits vor seinem berühmten Fall hatten Moneys Theorien unter Feministinnen Gehör gefunden. Kate Millet schrieb 1969 in ihrem Buch „Sexual Politics“ mit Bezug auf Moneys vorhergehendes Werk: „...bei der Geburt gibt es keine Differenzierung zwischen den Geschlechtern. Die psycho-sexuelle Persönlichkeit wird daher postnatal ausgebildet und ist anerzogen“.
Die Vorstellung von „Gender“ als einem sozialen Konstrukt wurde in die feministischen Theorien aufgenommen. Susan Moller Okin, die Autorin von „Justice, Gender and the Family“ (1989) freute sich auf „eine ,genderlose‘ Zukunft. Es gäbe keine vorgefassten Meinungen über die Rollen von Mann und Frau. Das Gebären von Kindern wäre begrifflich so sehr von deren Erziehung getrennt, dass es Erstaunen hervorrufen würde, wenn Männer und Frauen nicht gleichermaßen Verantwortung für die häuslichen Pflichten trügen...“.
Während der achtziger Jahre war der Begriff „Gender“ aus dem Studium der Frauenfrage nicht mehr wegzudenken. Nachdem die Vorstellung von Gender als einem sozialen Konstrukt eingeführt worden war, verschob die Frauenbewegung ihren Schwerpunkt. Statt politische Maßnahmen zu bekämpfen, die den Frauen schadeten, beanstandeten sie alles, was die Verschiedenheit zwischen Mann und Frau bestätigte, vor allem solche Maßnahmen, die Frauen bei ihren Versorgungsaufgaben zuhause unterstützten. Eine Zukunft ohne Gender machte eine Gesellschaft erforderlich, die jeden kulturellen Aspekt minutiös auf Gender-Einflüsse hin untersuchte.
Vor 1990 hatten Dokumente der Vereinten Nationen die Abschaffung von Diskriminierung gegen Frauen gefordert, aber etwa um 1990 wurde Gender zu einem zentralen Schwerpunkt. Eine Broschüre der Agentur INSTRAW der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1995 mit dem Titel „Gender Concepts“ definierte Gender als ein „System von Rollen und Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die nicht biologisch, sondern durch den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontext bestimmt sind. Das biologische Geschlecht ist eine natürliche Gegebenheit: Gender ist konstruiert.“
Die Trennungslinie zwischen Geschlecht und Gender blieb jedoch weiter undeutlich. Viele derjenigen, die den Begriff „Gender“ benutzten, wussten nichts über seinen ideologischen Ursprung. Trotzdem rief die Frauenkonferenz der Vereinten Nationen in Peking 1995 die Nationen zum „Einbezug einer geschlechtsbezogenen Perspektive“ auf. Im Schlusstext des Aktionsprogramms heißt es: „In vielen Ländern werden die Unterschiede bei den Leistungen und Aktivitäten von Männern und Frauen immer noch nicht als Folgen gesellschaftlich konstruierter Gender-Rollen angesehen, sondern als unveränderliche biologische Unterschiede“.
Das Problem dieser Aussage liegt darin, dass einige Unterschiede in den Aktivitäten von Männern und Frauen in deutlichem Zusammenhang mit den unveränderlichen biologischen Unterschieden zu sehen sind und das Aktionsprogramm darauf überhaupt nicht eingeht. So können zum Beispiel nur Frauen schwanger werden und Kinder stillen. Solange ein ansehnlicher Prozentsatz von Frauen die Mutterschaft als ihre vorrangige Berufung ansieht und nicht außer Haus arbeiten möchte und daher über längere Zeiträume das Arbeitsleben verlässt, um den Bedürfnissen der Familie gerecht zu werden oder eine Arbeit wählt, deren Arbeitszeit und deren Verantwortlichkeiten mit den Verantwortlichkeiten in der Familie zu vereinbaren sind, werden Leistungen und Aktivitäten von Männern und Frauen deutlich voneinander abweichen. Die Gender-Perspektive unterstützt die Frauen nicht, welche die Mutterschaft als ihre vorrangige Berufung ansehen.
Simone de Beauvoir hat diese Haltung 1975 in einem Interview mit Betty Freidan zusammengefasst. Auf die Frage, ob Frauen die Wahl haben sollten, zuhause zu bleiben und ihre Kinder zu erziehen, antwortete sie: „Frauen sollten diese Wahl nicht haben, denn gerade weil es diese Wahl gibt, werden sich zu viele Frauen dafür entscheiden.“
Der Begriff Gender ist nicht nur konstruiert – gemäß der Gender-Perspektive wurde er darüber hinaus auch von Männern zum Nachteil von Frauen konstruiert. Schon das Wort „Frau“ wurde als Etikett betrachtet, durch das ein fiktives Wesen geschaffen und Ungleichheit fortgeführt wurde.
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