Nein, meine Frau „geht nicht arbeiten“

Nein, meine Frau „geht nicht arbeiten“
Eigentlich war meine Frau noch nie krank. Nie so richtig jedenfalls. Die Kinder, klar, wenn die Saison der Viren und Infekte eröffnet war, erwischte es stets mindestens eines der vier. Mich auch manchmal. Meine Frau pflegte uns dann mit der ihr eigenen Geduld. Jetzt war plötzlich alles anders!
Einer unserer Söhne litt an einem Magen-Darm-Infekt. Und dann, einen Tag später, stand auch meine Frau morgens tatsächlich nicht auf. Sie blieb einfach liegen. Sie konnte nicht aufstehen, hatte die Nacht auf der Toilette verbracht und flüsterte mir morgens matt zu: „Schatz, mich hat es erwischt. Ich habe denselben Infekt wie Jan.“ „Ist doch kein Problem, ich mach’ das schon. Vor allem: Es ist ja Wochenende. Keine Schule, kaum andere Verpflichtungen. Werd’ du mal gesund“, beruhigte ich sie tapfer. Und selbstverständlich meinte ich es auch so.
Bis Montagabend musste sie das Bett hüten. Jetzt war ich plötzlich Hauptdarsteller, es ging nicht mehr bloß um Statisten- oder Nebenrolle als „typischer Vater“, der im Haushalt auch mit anpackt. Selbstlos, modern, opferbereit.
Was macht „sie“ bloß den ganzen Tag?
Häufig genug war ich in den vergangenen Jahren verärgert gewesen, wenn ich abends nach Hause kam – und nicht alles genau so aussah, wie ich es mir vorgestellt hatte. Überall Spielzeug im Haus verteilt. Schultaschen und Sportbeutel da, wo sie nicht hingehörten. Die Einfahrt zur Garage blockiert von Rollerskates und Fahrrädchen. Und so manche kleine „Nachlässigkeit“, die ich beim Verlassen des Hauses am Morgen mit einem Seitenblick registriert hatte, war abends immer noch nicht gerichtet. Selbst wenn ich mich tapfer dagegen wehrte, schoss mir häufig der vorwurfsvolle Gedanke durch den Kopf, ob ich mich denn wirklich um alles kümmern müsse. Was „sie“ denn gemacht hatte den ganzen langen Tag über. Und ob man nicht, bevor ich müde nach Hause kam, zumindest etwas Ordnung schaffen könnte. Die eigentlich, auch das muss ich zugeben, meist herrschte.
Wie gesagt, meine Frau war also krank. Was sie eigentlich gar nicht sein durfte. Und ich hatte plötzlich alles am Hals. Das Büro, in dem ich auch am Wochenende stundenweise arbeitete. Das Haus, die kranke Frau und die Kinder. Doch nicht alles, denn wie gesagt, es war Wochenende: Keine Schule und wenig Termine für die Kinder. Bevor ich aber von diesen Tagen erzähle, erlauben Sie mir einen Blick auf den Berufsalltag meiner Frau.
Der Wecker klingelt gewöhnlich um 6.20 Uhr. Nur einer steht dann auf: meine Frau. Sie bereitet das Frühstück, weckt die Kinder und mich, um dann Schulbrote zu schmieren und Schultaschen zu prüfen. Zwischendurch läuft sie wieder die Treppe hoch, um zwei der Kinder noch einmal mit Nachdruck aus dem Bett zu „bitten“ und dann nochmals bei mir vorbeizuschauen. Für mich alles völlig normal.
„Kann ich helfen?“
Am Frühstückstisch dann werden erste Fragen beantwortet: „Mama, wenn Menschenfresser einen auffressen, wie kann der dann noch in den Himmel kommen?“ „Muss ich mit dem Bus nach Hause kommen?“ „Kann Jessica heute nach der Schule mitkommen?“ „Mama, kannst du mir mal die Fernbedienung für das Auto aufschrauben? Die Batterie ist alle.“ „Mama, welches Stück habe ich noch vom Klavierlehrer auf? Ich muss das jetzt dringend üben.“ „Mama, ich habe Angst, dass ich wieder in Mathe drankomme!“ „Du hast nicht zufällig gestern noch mein hellblaues Hemd gebügelt?“, frage ich. Einer der Jungen hat „vergessen“, Zähne zu putzen, ein anderer den Pulli falsch herum angezogen, die Tochter ist wie immer zu dünn gekleidet für die Jahreszeit und muss zurückgeschickt werden, und zwei der Kinder müssen noch rasch Hustensaft schlucken. Natürlich unter Protest.
Die Schuhe werden geschnürt, die Winteranoraks angezogen, der Beutel mit den Sportsachen gesucht, noch rasch zwei Fingernägel gesäubert und Kakao aus den Mundwinkeln gewischt, zwei Kinder erneut beruhigt und gedrückt – und dann alle raus zum Bus. Währenddessen lese ich die Tageszeitung, trinke heißen Kaffee und rufe manchmal hilflos in den Flur, ob ich helfen könne. Im sicheren Bewusstsein, sitzen bleiben zu dürfen.
Um 7.30 Uhr fahre ich ins Büro. Meine Frau räumt den Frühstückstisch ab, sammelt Schmutzwäsche ein, macht die Betten, putzt die Waschbecken und schafft, soweit möglich, Ordnung. Dann werden Telefonate erledigt: ein Kinderarzttermin vereinbart, eine neue Mülltonne bei der Stadtverwaltung bestellt, der Klempner muss dringend nach der Heizung sehen und der Wagen zum TÜV.
Neue Fragen ...
Lebensmittel einkaufen, Geschenke für Kindergeburtstage besorgen, ein Elternsprechtag steht an, der Kleinste muss von der Schule abgeholt werden und mein Anzug muss in die Reinigung. Dann ab nach Hause. Kochen, zwischendurch eine Waschmaschine laufenlassen, weiterkochen, Tisch decken, und schon kommen die ersten von der Schule nach Hause. „Mama, wo bist du?“, schallt es sogleich vom Flur in die Küche. „Was gibt’s zu essen?“ „Mama, du musst mir helfen. Ich hab’ soviel auf!“ „Mama, hier, das musst du unterschreiben.“ „Mama, ich soll morgen drei Euro für die Bastelsachen mitbringen. Kannst du auch einen Kuchen backen für die Adventsfeier?“ „Mama, meine Schuhe sind zu eng, sie tun richtig weh.“
Zwischendurch die ersten Prügeleien der drei sechs- bis elfjährigen Jungen schlichten – und dann die „kleinen“ und doch so wichtigen seelischen Nöte: der eine muss getröstet werden, weil die Note mies war, die Tochter ängstigt sich wegen eines komischen Mannes an der Bushaltestelle, der andere hat Angst vor dem Mathelehrer, der dritte ist sauer, weil die Mama ihm verboten hat, diese „coole“, aber ungepflegte Hose zu tragen. „Aber alle tragen diese Hosen“, kämpft er. Meine Frau hält dagegen, während der Kleinste mit dem Rechenbuch neben ihr steht, der andere um einen Euro bettelt und sie die Würstchen brät.
Im Nebenzimmer übt einer Klavier: „Mama, komm mal, ich komm’ nicht weiter.“ Das Telefon geht. „Mama, kommst du mal?“ Es ist die Mutter von Sven. Sven ist krank, und die Mutter fragt nach den Hausaufgaben. Die Kinder begleiten meine Frau zum Telefon, zupfen an ihrem Pullover und halten ihr Hefte und Schulbriefe entgegen. Und weiter: Mittagessen, spülen, Hausaufgaben der Kinder, Hausarbeiten, Kinderarztbesuch, abends nähen oder bügeln und viel zu viele Elterntermine, die meine Frau aber stets wahrnimmt, damit kein dummes Gerede aufkommt: „Klar, weiß man doch: Vier Kinder sind ja auch zu viel heutzutage.“
Jetzt war ich also dran ...
Nun also war ich dran mit all dem „Kleinkram“. In den Tagen der Krankheit meiner Frau rief plötzlich kein Kind mehr „Mama, kann, darf oder muss ich.“ Was ich ansonsten zwar beiläufig mitbekam, aber eben als „Zweitbesetzung“. Jetzt hieß es plötzlich „Papa, kann, darf oder muss ich“. Das war etwas anderes. Ich konnte meiner Sekretärin nicht sagen, wenn das Telefon klingelte: „Sagen Sie, ich sei in einer Besprechung.“ Es gab keine Chance auf reale Fluchtmöglichkeiten.
Ich hatte viel Arbeit, so richtig viel. Und das Schlimmste: Es schien eine Sysiphusarbeit zu sein, die nie aufhörte. Das war das eigentlich Unbefriedigende und Zermürbende. Dieser ewige Kreislauf, der zwingt, stets neu von vorne zu beginnen. Wie von der Büroarbeit gewöhnt, bemühte ich mich auch bei der Hausarbeit, nach „Zeitplänen“ und „Prioritätenlisten“ systematisch und rational vorzugehen. Und dann, wenn alles geschafft war, mal einen Kaffee trinken.
Küche und Büro
Keine Chance, alle Pläne wurden stets brutal über den Haufen geworfen. Zur Kaffeepause und Zeitungslektüre kam es nie. Hatte ich gerade unten aufgeräumt und ging nach oben, um dort alles zu richten, so lagen nach meiner Rückkehr schon wieder Duplosteine, Stöcke oder Autos kreuz und quer herum, oder es warteten Arbeiten, die ich übersehen hatte. Ja, das war schon anders als im Büro. Alles war irgendwie unkalkulierbarer, unfruchtbarer, vieles erschien sinnlos. Im Büro konnte ich Akten durcharbeiten, Telefonate erledigen und Termine wahrnehmen. Dann war es getan. Doch zu Hause? Gerade war alles sauber, da kippte das Glas O-Saft oder Kakao auf den soeben neu gedeckten Tisch...
Irgendwann war meine Frau dann wieder einsatzbereit, wenn auch nicht gesund. Der Hausarzt hätte eine Angestellte wohl eine Woche lang krankgeschrieben. Ich war glücklich, alles in etwa „heil“ übergeben zu können. Und dabei hatte ich längst noch nicht mal das ganze Pensum am Hals gehabt: Ich brauchte nicht zu waschen, gebügelt hatte die Oma, und zum Mittagessen gab es was vom Chinesen oder Pizza aus der Tiefkühltruhe. Ja, die Krankheit meiner Frau hat unserer Ehe und mir gutgetan. Auch, weil ich seitdem besser verstehe, dass sie abends, todmüde im Bett, nicht immer unbedingt noch „kuscheln“ will. Gekuschelt und getröstet, gestreichelt und gedrückt hatte sie tagsüber wahrlich genug.
Verdrehte Republik!
Manches aber verbittert mich seit diesen Tagen. Zunächst: Was sind das bloß für Spinner und gefährliche Wirrköpfe, die proklamieren, Mütter seien durch „Ganztagsbetreuerinnen“ ersetzbar!? Dann die Frage, die man auf Parties, Empfängen oder Preisverleihungen beim Smalltalk gerne stellt: „Und, sind Sie auch berufstätig? Vielleicht im Unternehmen Ihres Mannes?“ „Nein“, antwortet meine Frau dann, „ich bin zu Hause und kümmere mich um Kinder und Haushalt. Und das mache ich gerne.“ „Ja, das ist ja auch schön. Vor allem für die Kleinen“, heißt es dann häufig. Und mit Wut und Unverständnis im Bauch lese ich von den aktuellen Tarifstreitigkeiten: Ist es Angestellten, also auch „erwerbstätigen Frauen“, wirklich zumutbar, 38 statt 37 Stunden pro Woche zu arbeiten?
Mütter erziehen das für eine Gesellschaft lebensnotwenige „Humankapital“, sagen manche. Ein furchtbarer Ausdruck. Dies sei eine unschätzbare und verflixt anstrengende Arbeit, die in der Regel 14 Stunden täglich dauert. Das sagen einige halt so. Klingt vielleicht etwas hochgestochen. Hören will es jedenfalls niemand. Lieber klagt man über die ach so schlimme demographische Entwicklung.
Nein, meine Frau „geht nicht arbeiten“. Sie bleibt lieber zu Hause – und schmarotzt am Volkseigentum.
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(Quelle. Komma n.25)
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Kommentare

Danke für diesen schönen Artikel, in dem ich mich an vielen Stellen wiedergefunden habe - wenn auch nur mit 2 Kindern...