Manager-Qualitäten hessischer Schulleiter

Manager-Qualitäten hessischer Schulleiter
Verbunden mit dem Ziel der eigenverantwortlichen Schule sind Qualitätsanalyse (Schulinspektion, Evaluation) und Qualitätssicherung die ersten Etappen auf dem Weg zum Qualitätsmanagement. Die Tätigkeiten der Schulleiter verlagern sich damit in das Management. Neben ihren pädagogischen Aufgaben werden sie künftig auch als Unternehmensführer verantwortlich sein.
Schulleiter als Manager
Den meisten der derzeitigen Schulleiter fehlt die hierfür erforderliche Ausbildung. Bemängelt werden zudem die zusätzliche Arbeitsbelastung durch Verwaltungsaufgaben und eine „Ökonomisierung der Schule“. Die Gewerkschaft GEW stellt sogar die Mitwirkung der Wirtschaft – z. B. die Unterstützung von Reformprojekten durch die Bertelsmann-Stiftung – in Frage und äußert Fundamentalkritik („Bruch mit demokratischen Traditionen“).
In den meisten Bundesländern sollen sich die Schulleiter entsprechend geschultes Personal (z. B. einen Geschäftsführer) besorgen. Überlegungen, Schulämter auf beratende Funktionen zurückzufahren und deren Personal den Schulen für Verwaltungsaufgaben zu überlassen, werden kritisch beurteilt. Es fehlt auch diesen Mitarbeitern an einer entsprechenden Ausbildung wie auch an Führungsqualitäten. In Hamburg versucht man es mit einer „Qualifizierungsoffensive“ (Nachschulung in Personal- und Ressourcenmanagement), in Bayern ist „Coaching, kollegiale Beratung sowie fachliche Fortbildung“ angesagt und in Nordrhein-Westfalen heißen die Schlüsselbegriffe „Qualifizierung und qualitätsorientierte Selbststeuerung“.
Bericht aus Hessen
In Hessen verweist man auf die Hilfe des Schulamts, kreiert mit Vertretern der Wirtschaft zündende Anglismen („Partners in Leadership“) und verwendet die Methode, Schwachstellen und Kritikpunkte im Voraus zu benennen, um deren Wirkung abzuschwächen („haben wir selbstverständlich bedacht“). Wenn die hessische Kultusministerin erklärt, dass „Schulen keine Wirtschaftsunternehmen, Lehrer keine Fließbandarbeiter, Schüler keine planbaren Produkte und Schulleiter keine Firmenmanager“ sind, will sie vielleicht auch nur den Wähler beruhigen, der Anfang 2008 zur Urne schreitet. Nach ihrer Ansicht gibt es „keineswegs mehr Verwaltung und mehr Bürokratie: Hier geht es vielmehr um wichtige pädagogische Entscheidungen …“.
Die meisten hessischen Schulleiter sehen das zwar völlig anders, dürfen aber den Mund nicht aufmachen (als Wähler fallen sie auch kaum ins Gewicht). Um deren „Eigenverantwortung“ zu stärken, zitierte die hessische Kultusministerin Wolff (CDU) am 3. März 2007 mit einem Aufwand von knapp 400.000 Euro aus Steuermitteln alle 2.400 Schulleiter Hessens im Rahmen einer mediengerechten „Dienstveranstaltung“ in die Frankfurter Jahrhunderthalle, ließ auch den Ministerpräsidenten reden, verkündete Maßnahmen zur Personalentwicklung und lobte ihre „Professionalität“. Und der „Maulkorb“ für Schulleiter, sich vor allem Eltern gegenüber keinesfalls kritisch zu äußern? Berichte über die Erfahrung von Schulleitern – sollten sie stimmen – wären sehr bedenklich … Vergleiche der Opposition mit diktatorischen Regimes wurden vom Hessischen Kultusministerium energisch zurückgewiesen!
Hessen-Werbung: „Bildungsland Nr. 1“
Nach dem „Hessischen Referenzrahmen Schulqualität“ sind „für die professionelle Leitung einer Schule und ihre Entwicklung Managementwissen und Führungskompetenzen erforderlich“. Hohles Politkergeschwätz oder hessische Realität? Strebt der Schulleiter eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Schülern, Eltern und Lehrerkollegium an oder bevorzugt er militärische Machtmethoden bis hin zu einem „diktatorischen“ Stil? Beherrscht er souveränes Auftreten mit der erforderlichen „Professionalität“? Besitzt er als Schulleiter die notwendige Distanz zum Lehrerkollegium oder ist Duzen und Kumpeln angesagt? Gilt das kooperative Miteinander und ein freundlicher Ton oder versagt er schon bei grundlegenden Führungsqualitäten (Einhaltung von Vorschriften!) und blamiert sich unter Missachtung einfachster Höflichkeitsformeln – vielleicht sogar in Anwesenheit von Schülern? Haben Schüler und Lehrer Achtung und Respekt vor ihm? Die Antworten werden ohne Zweifel an jeder Schule anders ausfallen.
Schulkonferenz
(in einem staatlichen Gymnasium in Hessen, 22. März 2007)
Der nachfolgende Bericht über den Ablauf einer Schulkonferenz in einem hessischen humanistischen Gymnasium beruht auf einem wahrheitsgetreu-persönlichen Eindruck und sei Anlass zum Nachdenken:
Der Schulleiter eröffnet die Sitzung: „Ich komme gerade von einer anderen Veranstaltung und bin ziemlich erschöpft. Als erstes habe ich hier ein Schreiben, in dem bemängelt wird, dass die Einladung zu dieser Sitzung verspätet erfolgte und Beschlüsse deshalb anfechtbar wären. Ich möchte feststellen, dass gar nicht vorgesehen ist, heute irgendwelche Beschlüsse zu fassen. Hat sich die Sache damit erledigt oder soll das ins Protokoll?“ Ein Elternvertreter bittet, dies ins Protokoll zu übernehmen, denn es wären auch Schüler anwesend und man sollte das Einhalten von Vorschriften nicht allein von ihnen verlangen, sondern auch seitens der Schulleitung mit gutem Beispiel vorangehen.
„Wir haben noch keinen Protokollführer!“ Da sich niemand meldet, wendet sich der Schulleiter mit leicht lächelndem Gesichtsausdruck an jenen Elternvertreter, der eben verlangt hatte, die Nichteinhaltung der Einladungsfrist ins Protokoll zu übernehmen. Dieser lehnt jedoch ab, denn er ist lediglich als Vertreter des Vertreters („Nachrücker“) eingeladen, nimmt das erste Mal an einer solchen Sitzung teil, wurde den Anwesenden nicht vorgestellt, kennt nur wenige Teilnehmer und verfügt über keinerlei Vorkenntnisse vorangegangener Themen. Der Schulleiter befiehlt so etwas wie einen „Eintrag ins Klassenbuch“: „Dann kommt ins Protokoll, dass er nicht bereit ist, die Protokollführung zu übernehmen.“
Thema Schulinspektion: Der Schulleiter bittet zum Beamer und stellt die allgemeine Frage nach dem Informationsstand. Alle Anwesenden sind bereits grundlegend informiert. Weil es so vorbereitet war, werden die allseits bekannten Bildchen von der Internetseite des Hessischen Kultusministeriums dennoch abgespult. Allgemeine Langeweile, aber es ergibt sich zumindest die Möglichkeit, Fragen zu stellen: „Wie erfolgte die Auswahl der Eltern für die Fragebögen?“ Diese Frage reicht der Schulleiter an eine kompetentere Fachkollegin weiter: „Das wird Ihnen unsere stellvertretende Schulleiterin erklären, denn diese hat sich als Mathematikerin mit den mathematischen Grundlagen beschäftigt.“ Die Dame erklärt, dass nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurde, also z. B. jeder Zehnte. Der Elternvertreter freut sich über die pädagogischen Fähigkeiten der Lehrerin, denn diese Antwort hat er sogar als Nichtmathematiker verstanden.
Das Bild auf der Leinwand verleitet den Elternvertreter zur nächsten Frage: „Ein Schulleiter muss im Rahmen der eigenverantwortlichen Schule auch Managementaufgaben übernehmen, ist aber nicht dafür ausgebildet. Wie werden Sie als Schulleiter sich auf diese Aufgabe vorbereiten?“ Dieser ist sichtbar nervös, stammelt herum und erklärt verärgert, er sei nicht verpflichtet, Eltern solche Auskünfte auf einer Schulkonferenz zu geben. Im übrigen ist er wie alle anderen Lehrer zur Fortbildung verpflichtet. – Ach so!
„Wie verhält sich die Schule, wenn der Inspektionsbericht fertig ist? Wird er veröffentlicht? Vielleicht im Internet?“ fragt der Elternvertreter. Antwort: „Das liegt im Ermessen der Schule und wir werden erst entscheiden, wenn der Bericht vorliegt.“ Elternvertreter: „Dann kann ein positiver Bericht veröffentlicht werden und ein negatives Ergebnis in der Versenkung verschwinden!?“ Der Schulleiter verbittet sich diese Bemerkung. „Aber es ist doch so!“. Dem Schulleiter reicht es langsam: „Ja, so ist es!“ Irgendwie vermittelt er den Eindruck, dass er die ganze Schulinspektion für ausgemachten Schwachsinn hält, aber mit den "Wölffen" heult.
Man setzt sich wieder an den runden Tisch. Der Elternvertreter erhält zwei Zettel über den neuen Stunden- oder Pausentakt und versucht, sich in den Zahlenwust zu vertiefen. Nachdem er die ersten drei Sätze gelesen hat, drängelt der Schulleiter: „Gibt es hierzu noch Fragen? Wir kommen dann zum Punkt „Verschiedenes“. Die Zettel werden ärgerlich weggesteckt mit dem Vorsatz, sie in Ruhe zu Hause anzusehen. Hätten sie der Einladung beigelegen, wäre die eine oder andere Frage sofort geklärt und die Sache erledigt gewesen.
Der Elternvertreter bittet, die beiden ersten Sätze des Protokolls noch einmal vorzulesen. „Nein, Sie bekommen das zugesandt und können dann schriftlich Stellung nehmen“ antwortet der Schulleiter, um anschließend die Sitzung zu schließen und nochmals zu betonen, wie erschöpft er doch sei. Bis dahin schweigende Konferenzteilnehmer – sieht man von den Dialogen zwischen Schulleiter und dem Elternvertreter ab – finden plötzlich ihre Stimme wieder und packen erfreut die Sachen zusammen.
Auch der Nachrücker macht sich auf den Heimweg. Satzteile des Schulleiters aus den Dialogen der Schulkonferenz gehen ihm durch den Kopf: „... schriftlich Stellung nehmen“, "... nicht bereit ist ...", "Ich bin nicht verpflichtet ... und auch noch so erschöpft.", „Ja, so ist es!“. Er beschließt, ein persönliches Protokoll zu erstellen und erinnert sich seines eigenen Beitrags: „Vielleicht im Internet?“ Diese Geschichte muß er den Kollegen auf der nächsten Vorstandssitzung erzählen! Und hoffentlich fehlt die regulär gewählte Elternvertreterin nicht noch einmal!
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Literatur
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- Holstein, K. & J. Blutte (2006): Die hessische Fortbildungslandschaft 2005/06. Analysen zur Lehrerfortbildung auf der Basis der Akkreditierungsdaten. - Hessisches Kultusministerium, Inst. f. Qualitätsentwicklung, Report 3: 83 S.; Wiesbaden.
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- Ministerium NRW für Schule und Weiterbildung (2006): Einfach mitwirken. Elternmitwirkung in der Schule. – Broschüre 19 S.
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- Starkebaum, K. (1998): Eltern und Schule - eine spannungsreiche Beziehung. Elternarbeit als Teil eines Schulprogramms.- Schul-Management, 29 (4): 7-15.
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