Verstörung - und eine Art von Poesie

Verstörung - und eine Art von Poesie
Den Namen Bernhard Wicki assoziieren ganze Zuschauergenerationen am ehesten mit einem Spielfilm, der in der Nachkriegszeit eine ungeheure Wirkung erzielte. „Die Brücke“ (1959) erzählte mit verstörendem Realismus vom sinnlosen Kampf einiger Kindersoldaten in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Der Film machte Bernhard Wicki weltberühmt: „Die Brücke“ gewann den Bundesfilmpreis und einen Golden Globe, wurde für den Oscar nominiert. Seit 2002 trägt der Friedenspreis des deutschen Films darüber hinaus den Namen „Bernhard Wicki Preis – Die Brücke“.
Filmische Qualität: 3 von 5 Punkten
Regie: Elisabeth Wicki-Endriss
Darsteller: (Mitwirkende) Klaus Maria Brandauer, Maximilian Schell, Michael Mendl
Land, Jahr: Deutschland 2007
Laufzeit: 126 Minuten
Genre: Dokumentarfilm
Publikum: Jugendliche, Erwachsene (FSK: ab 12 Jahren)
Einschränkungen: Szenen mit offenkundig erotisierender Absicht

Rezension: JOSÉ GARCÍA - www.textezumfilm.de
Foto: © Kinowelt

Die Initiatorin des Preises, Wickis zweite Frau Elisabeth Wicki-Endriss, hat einen Dokumentar-Film über das Leben und das Werk von Bernhard Wicki gedreht: „Verstörung – und eine Art von Poesie. Die Filmlegende Bernhard Wicki“. Dadurch erhält der Film einen sehr persönlichen Ansatz, denn die Dokumentation zeigt Erfolge und auch Niederlagen des großartigen Regisseurs und Schauspielers nach der Erinnerung seiner Frau, angefangen mit Wickis Beerdigung im Januar 2000 und den Nachrufen im Fernsehen.
Der Dokumentarfilm soll nicht nur kultur- und filmgeschichtlicher Abriss, sondern auch eine poetische Liebeserklärung an den Menschen Bernhard Wicki sein. Deshalb kommen neben bislang unveröffentlichten Film- und TV-Ausschnitten sowie Audiomaterial auch Freunde und Weggefährten zu Wort: Während Wickis Freund Maximilian Schell als Erzähler durch die vielen Jahre von Wickis Wirken führt, ergänzt Michael Mendl Wickis Gedanken aus Schriften und Briefen. Klaus Maria Brandauer setzt sich mit Wickis frühen Gedichten auseinander.
Bernhard Wicki wuchs in Österreich und Sachsen-Anhalt auf. Nach dem Abitur auf einem Internat in Schlesien erhält er im Jahre 1938 einen der begehrten Plätze bei Gustav Gründgens an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin. Aus dieser Zeit stammt aber auch ein Erlebnis, das ihn zutiefst prägen sollte, und das in „Verstörung – und eine Art von Poesie“ einen größeren Raum einnimmt: Im November 1938 wird Wicki wegen despektierlicher Äußerungen über die Frau von Hermann Göring ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert. Die Ermittlungen fördern Wickis politisches Engagement in der Kommunistischen Jugend zutage, so dass er bis März 1939 im KZ Sachsenhausen inhaftiert bleibt. Seine Freilassung erfolgte allerdings unter der Auflage eines Aufenthaltsverbots in Berlin. So zog Wicki nach Wien, wo er am Max-Reinhard-Seminar seine Ausbildung fortsetzte und seine ersten Rollen am Theater bekam.
Den Film entdeckte Bernhard Wicki erst durch die Fotografie, auch dank des zu Beginn der fünfziger Jahre in Europa vorherrschenden „italienischen Neorealismus“, der eine besondere Parallelität zwischen Fotografie und Film darstellte. Filmwerke wie „Rom, offene Stadt“ („Roma, città aperta“, 1945) und „Paisà“ (1946) von Roberto Rossellini sowie „Fahrraddiebe“ („Ladri di biciclette“, 1948) von Vittorio de Sica übten einen nachhaltigen Einfluss auf die gesamte Filmwelt und insbesondere auch auf Bernhard Wicki aus.
So gelingt ihm nach Theaterengagements in Zürich, Basel, Bremen und München 1953 der Durchbruch als Filmschauspieler: In Helmut Käutners Film „Die letzte Brücke“ spielte Wicki seine erste Kinorolle. „Verstörung – und eine Art von Poesie“ dokumentiert die Filme aus den 50-er Jahren, in denen Wicki als Schauspieler auftritt, durch schnell geschnittene Szenen, um dann auf die wohl bekannteste Tätigkeit des Porträtierten zu sprechen zu kommen.
Denn darauf folgt chronologisch stringent Wickis erste eigene Regiearbeit „Warum sind sie gegen uns?“ (1958), um sodann seinen bekanntesten Film „Die Brücke“ (1959) in den Mittelpunkt zu stellen. „Die Jungs waren so alt wie ich, als ich ins KZ kam“, erläutert der Regisseur das persönliche Anliegen, das ihn dazu führte, den Roman von Gregor Dorfmeister zu verfilmen.
Es folgen Wickis Hollywood-Jahre, die mit Filmausschnitten und Fotomontagen mit den damaligen Stars bebildert werden. Doch die Enttäuschung, nicht den „Final-Cut“- Status zu bekommen, das Recht, über die endgültige Fassung zu entscheiden, lässt ihn Hollywood den Rücken kehren. Bernhard Wicki kehrt nach Deutschland zurück und dreht „Das Spinnennetz“, seinen letzten Film, der 1989 bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt und dann für den Oscar nominiert wird.
„Verstörung – und eine Art von Poesie“ bietet zwar eine ganze Menge Information über den Regisseur und den Menschen Bernhard Wicki. Dem Film mangelt es jedoch an kritischer Distanz. Ein analytischer Ansatz, der zur Einordnung des Filmschaffens Bernhard Wickis hätte beitragen können, hätte dem Film gewiss gut getan.

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