Private Schulen auf Expansionskurs

Private Schulen auf Expansionskurs
Bildungsinteressierte Eltern verlieren den Glauben an die Reformfähigkeit der staatlichen Schulen. Daher steigt die Zahl der Gründungsinitiativen für private Schulen stetig an. Zwischen 2002 und 2005 errichteten verschiedenste Träger und Vereine bundesweit insgesamt 78 neue freie Schulen.
Am Berliner Canisius-Kolleg, einem Gymnasium in Trägerschaft des katholischen Jesuitenordens, herrscht Jahr für Jahr bei der Anmeldung zur Sexta der Ausnahmezustand. Dann nämlich entscheidet sich, welche der etwa 500 Bewerber einen der begehrten 90 Plätze in der Sexta ergattern können.
Auch das evangelische Gymnasium „Zum Grauen Kloster“ verzeichnet eine Flucht bildungsinteressierter Eltern aus dem staatlichen Schulsystem. So liegen derzeit in der Hauptstadt bereits acht Anträge auf Neugründungen vor, wie das Magazin FOCUS (8/2006) berichtete.
Ähnlich ist die Situation in der zweitgrößten Stadt Deutschlands, in Hamburg. Obwohl die sozialdemokratische Bildungspolitik über Jahrzehnte die Bildung von konfessionellen Schulen stark behindert hat, konnten sich allein 21 katholische Schulen, darunter 3 Gymnasien gründen.
Evangelische Christen wollen dem nicht nachstehen. Nachdem das Wicherngymnasium lange Zeit die einzige evangelische Schule der Stadt war, bildeten sich in den letzten Jahren mehrere „Bekenntnisschulen“ freikirchlicher Prägung und die landeskirchliche Initiativen „Schulen unter dem Kirchturm“ schießen wie Pilze aus dem Boden.

Insgesamt bleibt die Zahl der privaten und freien Schulen allerdings bisher noch klein. 2.024 freien stehen rund 40.000 allgemein bildende Einrichtungen gegenüber. 45% der freien Schulen sind katholisch und 17% evangelisch.
Dass es nicht mehr freie Schulen gibt, liegt vor allen Dingen an den hohen Hürden, die der Staat zum Schutz der eigenen Einrichtungen aufgebaut hat. So müssen in den meisten Bundesländern die freien Initiativen drei Jahre lang die Kosten für die Schule selbst aufbringen, erst dann zahlt der Staat. Nur in Hessen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen bekommen Privatschulen nach drei Jahren rückwirkend die Hälfte der Gründungskosten zurück.
Was suchen die Eltern an diesen Schulen für Ihre Kinder, was sie an staatlichen Schulen nicht finden? Miese Pisa-Ergebnisse, wenig engagierte Pädagogen und die zwangsweise sechsjährige Grundschulzeit in Berlin werden immer wieder angeführt. Dies führt zu teilweise paradoxen Verhältnissen. Viele konfessionslose Eltern suchen für ihre Kinder an kirchlichen Schulen.
Riten, Werte, ein behütetes Milieu und engagierte Lehrer.
(Pater Klaus Mertes, Canisius-Kolleg, Berlin)

Damit ist ein entscheidender Punkt genannt: Lehrer wirken an freien Schulen wesentlich engagierter und überzeugen durch ihre werteorientierte und pädagogische Haltung. Lehrer mit Versorgungsmentalität scheinen eher an staatlichen Schulen tätig zu sein, wie Dirk Norpoth, Leiter der privaten Herder-Schule in Wuppertal, vermutet.

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