Seid offen für das Unbegreifliche

Seid offen für das Unbegreifliche
Ratschlag einer Professorin für Erstsemester - Vor einiger Zeit erhielt ich eine Anfrage der Chefredakteurin einer kanadischen Studentenzeitschrift. Rebekah Hebbert schrieb mir: „Wenn Sie nur eine einzige Botschaft, einen Rat oder eine Warnung für Ihre Studenten hätten, was würden Sie ihnen sagen wollen?“ Was, um Himmels willen könnte wohl diese einzigartige Botschaft sein?
von Margaret Somerville
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Ich entschied, dass die Dinge des Lebens, die uns allen wichtig sind, Familie, Freunde, Liebe, Vertrauen, Loyalität, Rechtschaffenheit und so fort, nicht Gegenstand meines Rates sein könnten. Ich dachte lange nach und tat dann, was ich immer angesichts einer komplexen und schwierigen Entscheidung zu tun pflege: ich entschied mich, auf die Stimme meines Unterbewusstseins zu vertrauen, und einfach abzuwarten. (Dies zu tun, ist immer mein erster Ratschlag).
Schließlich kam mir folgender Ratschlag in den Sinn:
Seid immer wieder, aufs neue, in allen Situationen und so oft, wie möglich, für Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht offen.
Mich bewegen viele Dinge, die mir in den unterschiedlichsten Situationen begegnen: Die Reflexion des Vollmondes im Sankt-Lorenz-Strom an einem ruhigen, eisigen Winterabend, ein taubesetztes, glitzerndes Spinnennetz in der Frühlingssonne auf meiner Terrasse, oder ein gefrorener Tropfen auf einem Grashalm am Flussufer. Es kann mich von einem Moment auf den anderen packen, etwa, wenn ich ein Video sehe, in dem das Hubble Space Telescope in einem dunklen Fleck am Rand des Universums dreitausend Galaxien entdeckt, jede einzelne enthält ca. eine Milliarde Sterne. Es kann aber auch unmerklich Raum greifen, etwa, wenn ich den eleganten Bewegungen meiner Katze nachblicke, wenn mir neue Forschungsergebnisse bekannt werden, die bahnbrechende Erkenntnisse ermöglichen, oder wenn ich ein Ballett sehe.
Ich bin überzeugt, dass die Offenheit für „Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht“ unser Leben bereichert, bei der Suche nach dem Sinn des Lebens hilft, unseren Blick auf die Welt schärft, unsere Entscheidungen, besonders die Werte und Ethik betreffenden, begünstigt und damit unsere Lebensgestaltung beeinflusst. So können wir das „Heilige“ wertschätzen lernen, das für einige ein religiöses heilig, für andere ein säkulares heilig sein mag, das aber keinesfalls mit dem Müll des Alltäglichen zugedeckt werden, sondern unversehrt für die nächste Generation bewahrt werden sollte. Ich bin sicher, dass die Erfahrung von „Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht“ eine existenzielle Wahrnehmung hervorrufen kann, die diejenigen nicht begreifen können, denen diese Erfahrung mangelt, z. B. in dem, was sie als ethisch oder unethisch ansehen.
Sieht man die Weitergabe des menschlichen Lebens mit „Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht“ an, als Entstehung eines einzigartigen, neuen, menschlichen Wesens, so bleibt man nicht unberührt von diesem Geheimnis, das hohen Respekt verdient und wird Abtreibung oder gar Tötung Neugeborener zutiefst verabscheuen. Nimmt man dagegen das Ungeborene oder das Neugeborene nicht mit „Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht“ wahr, und begreift nicht das Geheimnis, so sieht man auch nicht unbedingt Abtreibung oder Tötung Neugeborener, die jetzt heftig diskutiert wird, als moralisch und ethisch verwerflich an.
Offenheit für „Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht“ und ihre gelegentliche Erfahrung, kann dazu führen, dass man eine andere Wahl trifft, die Prioritäten anders setzt und dies selbst im Alltäglichen, z.B. wenn es darum geht, einen neuen Job zu finden. Wenn uns ein Job in einem Bereich angeboten wird, der uns brennend interessiert und ausfüllt, und ein anderer, der deutlich besser bezahlt wird, der uns aber eigentlich weniger interessiert, werden wir wohl den ersten annehmen, wenn uns daran liegt wirklich „Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht“ zu erleben. Wir können diese Erlebnisse zwar nicht nach Belieben produzieren, doch trägt unsere Entscheidung dazu bei, dass wir sie häufiger oder seltener erleben.
Ich denke oft: „Soviel Glück in meiner Arbeit habe ich eigentlich nicht verdient.“ Ich betrachte es als eine der großen Gnaden in meinem Leben, dass ich nach mehr als dreißig Jahren in „demselben Job“, immer noch jeden Morgen in mein Büro gehe und überlege, „welche aufregenden Erfahrungen werde ich heute machen?“ Ich erkläre sofort, was ich damit meine.
Ich habe „denselben Job“ bewusst in Anführungszeichen gesetzt, da ich meine Arbeit nie als eintönig und langweilig empfinde, sie entwickelt sich beständig in unerwartete, herausfordernde und faszinierende Richtungen. Ich glaube, dass eine solche Entwicklung möglich ist, wenn man seinen Beruf als Berufung begreift, als Lebensentscheidung, bei der uns bewusst ist, dass wir uns nicht zurücklehnen können und darauf vertrauen, dass die Entwicklung aus eigener Dynamik geschieht.
Damit sie geschehe, muss man wachsam auf Gelegenheiten achten und offen sein, sie zu erkunden. Und man muss bereit sein, bestimmte Risiken einzugehen, ohne Garantien zu erwarten, dass alle Anstrengungen zu dem Erfolg führen, den man erhofft. Mir ist es häufig passiert, dass ich an Projekten oder Veranstaltungen teilgenommen habe, von denen ich mir intellektuell und emotional unendlich viel versprochen habe, die Ergebnisse mich aber enttäuschten, wogegen einige Veranstaltungen, an denen ich nur zögernd, weil ich mich verpflichtet fühlte, teilnahm, aufregend und lohnend waren.
Als Ergebnis dieser Erfahrung habe ich gelegentlich Absolventen geraten, zu überlegen, einen Job anzunehmen, der nicht exakt ihrem Wunschprofil entspricht, und zu sehen, wie sie ihn ausgestalten können, um für sich selbst darin neue Aufstiegschancen zu entwickeln. Die Ergebnisse waren oft erstaunlich und lohnend.
Auch habe ich oben das Wort „aufregend“ hervorgehoben, ich benutze es, um ein weites Spektrum positiver und negativer Erfahrungen abzudecken: Erfolge, ebenso wie Misserfolge und Schwächen, persönliche, professionelle, intellektuelle, emotionale oder geistige, können uns helfen, zu lernen und zu wachsen. In diesem Zusammenhang mag ich Thomas Jefferson’s Ratschlag: „Es kommt nicht auf deine Fehler an, sondern darauf, was du damit anfängst.“ Wir sollten nie erstaunt oder deprimiert über unsere Fehler sein, wiewohl ich weiß, wie schwierig das manchmal sein kann. Damit sage ich nicht, dass man sie nicht ernstnehmen sollte; man muss sich schon bemühen, die gleichen Fehler zukünftig zu vermeiden.
Mit Herz, Kopf und Seele bei der Arbeit zu sein, gefesselt und erfüllt von dem, was man tut, ist ein außergewöhnliches Geschenk. Die Hoffnung zu haben, dass man am Ende des Tages einen kleinen Beitrag für andere und für die Welt leisten konnte, ist ein wirkliches Privileg. Persönlich zu erfahren, „ein Mensch kann einen Unterschied bedeuten“, gibt dem Leben und der Arbeit Sinn. Dies bringt mich zu meinem nächsten Punkt.
Ich war unsicher, in welcher Reihenfolge ich die Begriffe „Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht“ nennen sollte; als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, dass sie nicht eine lineare Entwicklung beschreiben, sondern drei unterschiedliche Türen zu einer transzendenten Erfahrung darstellen, dieser nämlich, dass der Einzelne zu einem größeren Ganzen gehört und dass das, was er tut, oder unterlässt, über ihn selbst hinaus Wirkung zeitigt.
Erfahrungen von Transzendenz können ein wirksames Mittel gegen Zynismus sein, besonders wenn es darum geht, Werten und Ethos Geltung zu verschaffen und in die Praxis umzusetzen.. Ich halte Zynismus für extrem gefährlich; für mich ist er eine „säkulare Todsünde“. Er führt letztendlich in eine Weltordnung, in der kein vernünftiger Mensch mehr leben möchte. Die Antithese des Zynismus ist die Hoffnung, der Sauerstoff der menschlichen Seele.
Ohne Hoffnung stirbt unsere Seele, mit ihr bezwingen wir auch scheinbar unüberwindliche Hindernisse.
Zum Schluss kommt mir das Wort „Dankbarkeit“ in den Sinn, Dank für die Fähigkeit, Verblüffung, Erstaunen und Ehrfurcht zu empfinden. Soweit wir wissen, ist diese Fähigkeit nur den Menschen eigen und macht sogar, wie ich glaube, das Wesen des Menschen aus. Insofern tragen wir Verantwortung für künftige Generationen, damit sie diese Fähigkeiten bewahren lernen und zu ihrem eigenen Nutzen fördern, und ebenso Verantwortung dafür, alles zu vermeiden, was dem entgegen steht.
Wir haben in den letzten Jahrzehnten lernen müssen, dass unser Ökosystem nicht unzerstörbar ist -es ist in der Tat sehr verletzlich und kann irreparabel zerstört werden-, und dass wir die Verantwortung gegenüber künftigen Generationen haben, es mit Verantwortung und Sorgfalt zu nutzen.
Dies gilt allerdings auch für unser „Metaphysisches Ökosystem“, Werte, Prinzipien, Sitten, Überzeugungen, Geschichte u.s.w, als das Fundament, auf dem wir unsere Gesellschaft aufbauen.
Unser „Metaphysisches Ökosystem“ treuhänderisch zu verwalten, erfordert Weisheit, ethische Bindung, (die Tugend der Klugheit) und eine gehörige Portion Mut von allen, besonders von jungen Menschen, die zu Entscheidungsträgern heranwachsen und die wiederum „Hüter der Werte“ sein müssen. Ich möchte Sie alle ermutigen, sich einzubringen, um dieses Privileg wahrzunehmen und diese gewaltige Verpflichtung erfüllen zu helfen, was immer Ihre Lebenssituation ist.
Es gibt keine lohnendere, wichtigere oder aufregendere Herausforderung.
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Margaret Somerville ist Gründungsdirektorin des Centre for Medicine, Ethics and Law an der McGill University in Montreal, Quebec, Kanada.
Dieser Beitrag wurde zuerst im Prince Arthur Herald veröffentlicht (The importance of the ineffable).
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