Wem gehören Kinder eigentlich? Eine Verteidigung der Elternrechte

von Christopher O. Tollefsen - ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe
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Melissa Moschella beginnt ihr neues Buch über Elternrechte und Erziehung mit einem Zitat von Melissa Harris-Perry, das unseren Public Discourse Lesern sicher bekannt sein wird: „Wir müssen mit der merkwürdigen Vorstellung brechen, dass Kinder ihren Eltern gehören und endlich anerkennen, dass Kinder der ganzen Gesellschaft gehören.“

Die Implikationen einer solchen Forderung rauben einem den Atem. Wenn Harris-Perry recht hat, was Aufzucht und Erziehung von Kindern betrifft, so muss die Gesellschaft, und speziell die Politik sowohl die Ziele solcher Betreuung und Erziehung, wie auch deren Methoden festlegen. Dann hat die Gesellschaft oberste Priorität. Selbst wenn diese Autorität nicht umfassend ist und den Eltern eine gewisse Autorität über ihre Kinder zugebilligt wird, kann diese nur Teilaspekte, die der Staat den Eltern überlässt, umfassen.

Forderungen diese Art muten traditionell gesonnenen Menschen ungeheuerlich an. Sie sprechen der Realität Hohn. Familien, so sind wir überzeugt, haben einen höheren Stellenwert als der Staat, der nur existiert, um die Familie zu schützen. Innerhalb der Familie sind es die Eltern, die oberste Autorität über ihre Kinder haben und selbst wenn diese Autorität teilweise an den Staat übertragen wird (Kindergarten, Schule etc.), ist es dessen Aufgabe, der Familie zu helfen und keinesfalls Aufgaben an sich zu reißen, die nur den Eltern zukommen.

Moschella’s Buch ist eine nachdrückliche Verteidigung dieser traditionellen Sicht. Es ist besonders zu begrüßen, da die wichtigsten Publikationen über das Thema in den letzten Dekaden von Liberalen geschrieben wurden, die ganz auf der Linie von Harris-Perry liegen. Einige dieser Liberalen, wie Amy Gutmann, stehen auf dem Standpunkt, dass das erste Ziel der Kindererziehung die Heranbildung eines guten Staatsbürgers in einer liberal demokratischen Republik sein muss. James Dwyer sieht die Priorität hingegen bei der Erziehung von Kindern zur Autonomie. Doch alle „Vordenker“ in beiden Lagern sind überzeugt, dass die Hauptverantwortung zur Festlegung der Erziehungsziele bei staatlichen Organen liegen muss, damit sichergestellt wird, dass die Kinder die gewünschte Form von Erziehung erhalten. Dem Staat komme das Recht, ja sogar die Pflicht zu, das elterliche Ermessen außer Kraft zu setzen, wenn die Eltern nicht kooperieren.

Die elterliche Autorität

Moschella’s Argumente gegen solche Ansprüche sind eindeutig. Eltern besitzen die Autorität, Entscheidungen zu Erziehung und anderen, die Kinder berührenden Belange zu treffen; staatliche Autoritäten können nur dann intervenieren, wenn den Eltern schwerwiegende Verstöße vorzuwerfen sind, wie im Fall von Missbrauch und Vernachlässigung. Weil Eltern diese Autorität besitzen, haben sie das letzte Wort bei Erziehungsfragen ihrer eigenen Kinder, selbst dann, wenn irgendjemand zu dem Schluss kommt, dass sie ihrer Autorität nicht gerecht werden, oder ihre Art und Weise, die Kinder zu erziehen, als nicht perfekt angesehen wird. Da Außenstehende die Gründe für ihr Verhalten meist nicht überschauen können, wäre es falsch, sich in die Ausübung ihrer elterlichen Autorität einmischen zu wollen, weshalb auch mit Fug und Recht vom Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder gesprochen wird.

(In den USA [AdÜ]) kann dieses Recht selbst dann ausgeübt werden, wenn Kinder in öffentlichen Schulen unterrichtet werden sollen. Eltern sind nicht gezwungen, ihre Kinder der Autorität staatlicher Stellen zu überlassen; sie können selbst staatliche Hilfen beim Unterricht zu Hause in Anspruch nehmen, wenn sie der Meinung sind, dass das Curriculum der öffentlichen Schule ihren Vorstellungen zuwiderläuft und sie einen passenderen Ausbildungsplan für ihre Kinder wünschen.

Woher leiten sich nun elterliche Autorität und elterliches Recht her? In einem Beitrag auf  Public Discourse war mein Argument, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung in vielen Fällen auf den Verpflichtungen gründet, die Menschen haben. Moschella’s Credo liegt auf derselben Linie: Eltern besitzen Autorität und Rechte, weil sie gegenüber ihren Kindern besondere Verpflichtungen haben. Diese Verpflichtungen zu Sorge und Pflege sind normalerweise unvermeidlich und bindend; sie dauern so lange, bis das Kind das Erwachsenenalter erreicht hat.

So kommen wir schließlich zur grundlegenden Frage: Worauf basieren die Verpflichtungen zur Fürsorge und Pflege eigentlich, die Eltern gegenüber ihren Kindern haben?

Moschella’s Antwort auf diese Frage ist, wie ich glaube, höchst interessant, provokativ und der originellste Teil ihres Buches. Im Verlauf dieser Rezension möchte ich ihre Antwort zusammenfassen und diskutieren. In einem zweiten Teil werde ich Moschella’s Gedanke zur Adoption darlegen.

Eltern-Kind-Bindung

Nehmen wir einmal an, James, ein Kind, das gestern geboren wurde, wird schon einige Tage darauf Vollwaise, weil seine Eltern bei einem Autounfall getötet werden. Dankenswerterweise wird James von Freunden seiner Eltern adoptiert. Diese haben erst vor kurzer Zeit ein Baby verloren, sodass die Mutter James sogar stillen kann. James wächst in einem liebevollen „Elternhaus“ mit Geschwistern heran, wird gut erzogen, lernt, was im Leben wichtig ist, und erreicht schließlich ein reifes Mannesalter. Was, wenn überhaupt, könnte James fehlen?

Wir können nicht behaupten, dass James elterliche Liebe und Zuwendung abgeht, und das ist eine wichtige Feststellung für meine folgende Betrachtung. Wir können jedoch sagen, dass James ohne Liebe und Zuwendung seiner biologischen Eltern aufwachsen musste, eine Liebe, die nur diese ihm hätten geben können. Es ist eine triviale, aber wahre Feststellung, dass nur seine leiblichen Eltern ihm ihre Liebe hätten geben können. Denn es ist auch wahr, dass ein Mensch, der Dich lieben könnte, es aber nicht tut, Dir seine Liebe vorenthält. Doch Moschella möchte hier noch tiefer bohren, um nicht bei der trivialen Feststellung stehen zu bleiben, dass der Verlust der Liebe eines biologischen Elternteils ein Kind verletzt, egal, inwieweit der Verlust an Liebe im Verlauf seines Lebens durch andere, Adoptiveltern eingeschlossen, kompensiert wird.

Der nicht-triviale Aspekt unersetzlicher Liebe ist mit persönlicher Beziehung in Verbindung zu bringen: Wenn „N“ mein Freund ist, dann ist „N‘s“ Liebe für mich unersetzlich. Seine Freundschaft bietet mir ein so wertvolles Gut, das keine andere Freundschaft mir bieten kann und es gibt Zeiten, wo ich ganz besonders „N‘s“ Freundschaft brauche und ersehne.

Moschella erklärt die Verpflichtungen leiblicher Eltern gegenüber ihren Kindern mit der besonderen Beziehung, die Vaterschaft und Mutterschaft mit sich bringen. Insbesondere stellt sie die Verantwortung der Erzeuger neuen Lebens für dieses heraus, da sie genetisch dessen Identität teilen.

Dies erklärt, dass es Güter gibt, die nur die leiblichen Eltern weitergeben können: das Gut, von denen geliebt zu werden, denen man seine Existenz verdankt und das Gut, von den Menschen erzogen zu werden, die auch genetisch eine starke Beziehung zur eigenen Identität haben. Die Kinder sehen im Leben ihrer Eltern Beispiele für gutes und schlechtes Verhalten und Charakterzüge, die ihnen vielleicht auch eigen sind und die ggf. entwickelt oder unterdrückt werden sollten.

James, der Junge in der o.a. Geschichte muss beide Güter entbehren. Er wird, so ist zu hoffen, im Wissen aufwachsen, dass seine leiblichen Eltern ihn liebten, doch diese sind ihm nicht mehr nah. Er wird wohl einiges über sie erfahren können und so auch sich selbst ein wenig besser kennen lernen, aber es bleibt ein Vakuum bestehen. Denn nur die leiblichen Eltern sind in einzigartiger Weise in der Lage, ihre Güter als Folge der persönlichen Vaterschaft und Mutterschaft ihren Kindern weiterzugeben, wozu sie auch verpflichtet sind. Nur deshalb haben sie Rechte und Autorität als Eltern.

Das ist der springende Punkt. Ich muss gestehen, dass ich diese Zusammenhänge erst verstanden habe, als ich über den frühen Tod meiner eigenen Eltern nachdachte.

Eltern, Ehe und Familie

Moschella’s Buch wartet mit weiteren interessanten und wichtigen Aspekten auf. Doch möchte ich mich zum Abschluss auf einen Kommentar beschränken, der verstärkend und weniger kritisch sein soll. Dieser Punkt wird auch weitere Überlegungen zum Thema Adoption grundlegen:

Wie der Titel nahelegt, beleuchtet das Buch die Autorität der leiblichen Eltern, doch ebenso die Autorität von Familien und manchmal fokussiert Moschella den Blick stärker auf diese, als auf die Eltern. Bei der Betrachtung der Beziehung leiblicher Eltern zur Identität des Kindes leitet die Autorin zu Identitätsproblemen von Kindern über, die mit Samen- oder Ei-Spende ins Leben kamen. Solche Kinder empfinden einen Bindungsmangel zu ihren biologischen Elternteilen. An anderer Stelle hat Moschella sehr deutlich gemacht, dass Samen- oder Ei-Spende eine radikale Abkehr genau der Verpflichtungen bedeutet, die sie in ihrem Buch herausstellt. Die Spende sei eine unmoralische Praxis, die man aufgeben müsse.

Natürlich sind diese Spender im biologischen Sinn Elternteile, was das Argument der Amoralität nicht entwertet. Ebenso handeln ein Mann, der einen „one-night stand“ hat und später erfährt, dass er ein Kind gezeugt hat, eine Single-Frau, die sich dringend ein Kind wünscht, oder Verheiratete, die Abwechslung in „Seitensprüngen“ suchen, unmoralisch. Und dennoch, zu Recht, laden alle diese Eltern Verpflichtungen, auf Grund ihrer persönlichen Beziehung, zu diesen Kindern auf sich.

Der einzig wichtige Bindungspunkt und Ursprung für Autorität und Recht der Eltern ist jedoch, so scheint mir, was Moschella in ihrer Betrachtung über Thomas von Aquin erwähnt: Die gemeinsame elterliche Fürsorge der Ehegatten, die sich aus der ehelichen Vereinigung herleitet, in der das Kind als Erfüllung und Frucht dieser Einheit gesehen wird.

Moschella merkt an, dass Kinder ja nicht als vollendete Menschen in diese Welt kommen, sie müssen behütet, ernährt und erzogen werden, nicht durch Vermittlung von Lernstoff, sondern von Tugenden, bis sie eines Tages selbstständige und gereifte Persönlichkeiten sind. Die Eheleute üben gemeinsam diese Autorität ihren Kindern gegenüber aus und diese ist schlechthin das Paradigma für Autorität, wo es um Kindeserziehung geht.

Moschella hat uns eine Steilvorlage geliefert. Ihr gut geschriebenes und ausgewogenes Buch ist ein wichtiger intellektueller Meilenstein zu einem Thema, dem Philosophen bislang wenig Aufmerksamkeit gewidmet haben.

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Christopher O. Tollefsen ist ein renommierter Professor der Philosophie an der University of South Carolina und Senior Fellow des Witherspoon Institute. Er ist Autor von Lying and Christian Ethics (Cambridge, 2014). Dieser Beitrag wurde zuerst auf The Public Discourse veröffentlicht. Link zum original article.